Innen aus Holz, die Fassade aus Cortenstahl, auf dem Dach eine "Himmelswiese": Für eine Baulücke in der Gabelsberger Straße hat Star-Architekt Francis Kéré die "Kinderoase an der TUM" maßgeschneidert. Sie kombiniert Nützlichkeit und Ästhetik - ein neues Highlight im Museumsviertel.
Vorne verläuft die Gabelsberger Straße, rechts und links stehen Bestandsgebäude der TUM, dahinter liegt ihre Mensa: Diese Lücke im Münchner Museumsviertel, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs unbebaut war, hat Francis Kéré nach zwei Jahren Bauzeit mit der "Kinderoase an der TUM" geschlossen – seinem ersten dauerhaften Gebäude in Europa. 15,10 Meter breit, 17,46 Meter tief und fünf Etagen hoch, bietet sie auf rund 700 Quadratmetern Platz für bis zu 60 Kinder von TUM-Angehörigen.
Spielplatz als Herzstück
Herzstück ist ein vertikaler Spielplatz an der Nordfassade, der als akustischer Puffer zur Straße dient und und wo "Kinder von einer Etage zur nächsten laufen, klettern und rutschen können", so Francis Kéré. Freiraum dafür bietet auch eine "Himmelswiese" auf dem Dach. Die Einrichtung ist nach Altersgruppen organisiert, jede Gruppe nutzt ein eigenes Geschoss sowie gemeinschaftliche Bereiche zum Spielen, für Sport und Mahlzeiten in den mittleren und oberen Ebenen.
Kooperation mit Hermann Kaufmann
Für die Ausführungsplanung des konstruktiven Holzbaus, für den hauptsächlich Fichte verwendet wurde, holte Francis Kéré, der seit 2017 an der TUM Professor für Architectural Design and Participation ist, seinen renommierten Kollegen Hermann Kaufmann mit ins Boot. Für die Fassade wählte Francis Kéré 2.085 Lamellen aus Cortenstahl, die das Gebäude wie ein schützender Vorhand umschließen. In Summe sind sie circa 7.300 Meter lang und wiegen 100 Tonnen. Finanziert, errichtet und der TUM geschenkt hat den Bau die Unternehmerin und Ehrensenatorin der TUM, Ingeborg Pohl; sein zukünftiger Betreiber ist das Studierendenwerk München.
Rückkehr zu den Ursprüngen
„Hier ist etwas wirklich Besonderes entstanden", lobte TUM-Präsident Prof. Thomas F. Hofmann bei der Schlüsselübergabe. „Ein Ort für Kinder, der Eltern hilft, Beruf und Familie zu vereinbaren – und das in einem Gebäude von architektonischer Einzigartigkeit inmitten des Münchner Museumsviertels", das Nützlichkeit und Ästhetik perfekt kombiniere. Francis Kéré kehrt mit der "Kinderoase an der TUM" zu seinen Ursprüngen zurück: "Meine allerersten Projekte habe ich für Schulkinder entworfen, und jetzt baue ich für die Allerkleinsten", erklärt er. "Das ist eine schöne Verantwortung."
Intensiver und schwieriger Prozess
Die herausfordernde Genese dieses Projekts ist auch Thema des Buchs "Francis Kéré. Building Stories". Denn der im afrikanischen Obervolta geborene und unter anderem mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnete Architekt musste sich nicht nur mit dem begrenzten Grundstück und den Erfordernissen der künftigen Nutzer arrangieren. Gleichzeitig galt es für ihn, "die Anforderungen der deutschen Bauvorschriften zu erfüllen" und "die Unterstützung aller Beteiligten zu gewinnen, die manchmal zu vorsichtig und zögerlich waren" – "ein intensiver und schwieriger Prozess." Auf diesen langen und ungewissen Weg zurückblickend stelle er aber fest, dass sich alles gelohnt hat.
Einblick in Kéres kreative Welt
Mit 26 wichtigen Projekten von Schulen in Afrika bis zu aktuellen Entwürfen weltweit gibt das im Taschen Verlag erschienene Buch einen profunden Einblick in die kreative Welt von Francis Kéré. Viele bisher unveröffentlichte Skizzen, Fotos, Zeichnungen und Texte veranschaulichen seinen architektonischen Ansatz zwischen Poesie und Pragmatismus. Oberstes Ziel ist dabei die Gestaltung von Räumen, "die der Menschheit dienen". Für Francis Kéré ist der Architekt ein Vermittler gemeinsamer Ziele und Architektur ein Instrument des gemeinsamen Lernens und des Austauschs. Idealweise entsteht sie kollektiv und wird nicht von oben verordnet.
alle Fotos: ©Astrid Eckert/TUM