Baukultur und Bewusstheit
by Regine Geibel
2004-2026 22

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Von der Knödelfabrik zu Weltklasse-Architektur

Das Werksviertel hinter dem Ostbahnhof ist eine Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft: Wo früher Pfanni produzierte, koexistieren heute Büros, Kultur und Gastronomie mit einem Riesenrad. Hier ist München offener für moderne Architektur als an vielen anderen Orten.

Alte Gleise, rostige Schienen, Fassaden mit Narben: Das begegnet Besuchern im Werksviertel immer wieder als Erinnerung an Zeiten, als das Areal als Industriegelände, Knödelfabrik, Ölmühle, Kunstpark Ost, Partymeile und dann "Kultfabrik" genutzt wurde. Auf die kulturelle Zwischennutzung folgte Schritt für Schritt eine Transformation hin zu einem gefragten Standort für Büros, Start-ups und Gastronomie. Resultat ist ein lebendiges, gefragtes Quartier mit Mut zu moderner Architektur wie dem vielfach ausgezeichneten WERK12, das mit den Worten "Aahhh", "Oh" und Puh" in ikonischen Riesenlettern an der Fassade auffällt und – leicht zu erkennen – von den mutigen niederländischen MVRDV-Architekten in Zusammenarbeit mit Nuyken von Oefele Architekten entworfen wurde. Aus der holländischen Feder stammt auch das neue Office-Projekt MONACO, das zum Teil mit 100 Jahre alten Klinkersteinen, zum Teil mit bunten Schindeln aus recyceltem Plastik verkleidet wird.

Höchste Anwesenheitsquote Deutschlands bei Büromietern

„Mit dem MONACO wollen wir ein Haus bauen, das den Geist des Werksviertels weiterschreibt", erklärt Andreas Wißmeier, Geschäftsführer der Rock Capital Group und macht damit die Zugehörigkeit zu einem Gesamtkontext klar. „Das Werksviertel ist kein Reißbrettprojekt. Es zeigt, dass Quartiersentwicklung nur dann funktioniert, wenn man den Geist eines Ortes ernst nimmt – und ihn nicht durch Beliebigkeit ersetzt." Und genau diese Besonderheit kommt gut an: „Die Anwesenheitsquote bei mehreren Büromietern ist die höchste in Deutschland", weiß Andreas Wißmeier von anderen Eigentümern, die bereits Flächen vor Ort vermieten. Auch Martin Riedl, Geschäftsführer von IGENUS Immobilien, bestätigt: "Das Werksviertel als 24-Stunden-Quartier steht bei Unternehmen anhaltend hoch im Kurs".

Entdecken und Erfahren

Mehr als 7000 Menschen arbeiten mittlerweile im Werksviertel, nutzen Büros genauso rege wie Cafés, Bars, Restaurants und Geschäfte – ein atmender Organismus, in dem es weniger um Perfektion oder Planerfüllung als vielmehr um das Entdecken, Erfahren, Scheitern und Wiederanfangen geht – mit unkonventionellen Ideen wie einer kleinen Schafherde, die in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem begrünten Dach von WERK3 weidet – der Stadtalm München. Aus gutem Grund würdigte eine internationale Jury unter der Leitung von Bryan Chou (Design Principal, Mikyoung Kim) das Werksviertel-Mitte als herausragendes Beispiel für innovative Stadtplanung, die sowohl funktional als auch sozial und kulturell überzeugt, in der Kategorie "Professional Built Environment" mit dem renommierten Core77 Design Award 2025.

Weitere Beispiele für gelungenen Wandel

Eine Atmosphäre, die an das Werksviertel erinnern, gibt es auch in Kopenhagens Neo-Quartier Nordhavn, wo seit läuft seit 2009 die Transformation vom Containerhafen zu einem CO₂-neutralen Viertel mit 40.000 Arbeitsplätzen und ebenso vielen Bewohnern läuft. Grundidee ist eine „Five-Minute City", in der innerhalb von fünf Gehminuten Arbeit, Einkauf, Freizeit und Bildung erreichbar sind. Beweis für einen gelungenen Wandel ist außerdem die Tabakfabrik in Linz. Wo früher Zigaretten produziert wurden, schlägt heute das Herz der Kreativwirtschaft. Ein Ort, der Experimente erlaubt, Fehler zulässt und Innovation fördert – wie das Werksviertel.