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Interview mit Louisa Hutton

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Der Einsatz von Farbe ist erklärte Spezialität der Berliner Architekten Sauerbruch bei ihren Projekten - so auch beim Museum Brandhorst. Im Interview offenbart Louisa Hutton, welche Rolle Farbe für sie in der Architektur spielt, wie Farbe wirkt und inspiriert und ihren Standpunkt zur wissenschaftlichen Farblehre.

Wann haben Sie begonnen, sich für den Einsatz von Farbe zu interessieren?

Louisa Hutton: Matthias Sauerbruch ist in einem regelrechten Farb-Universum aufgewachsen - sein Vater war Maler, das Atelier befand sich im Haus der Familie. Ich war mit 14 fasziniert von der Malerei der frühen Holländischen Schule des 16. Jahrhunderts. Bei meinem Abschluss habe ich mich intensiv mit den visuellen, haptischen und körperlichen Wahrnehmungen von Raum beschäftigt und mit dessen Darstellung. Als Matthias und ich begannen, gemeinsam zu arbeiten, wurde Farbe allmählich ein Schwerpunkt in unseren Entwürfen.

Bei welchem Projekt haben Sie erstmals Farbe eingesetzt?


Als wir Ende der achtziger Jahre unser Büro in London eröffneten, nahmen wir häufig an Wettbewerben teil. Wir zeichneten und malten, oft nur um der Arbeiten selbst willen. Wir bekamen erste Aufträge für den Ausbau und die Renovierung von mehreren Stadtwohnhäusern. Die Räume dort waren sehr begrenzt, und wir entdeckten, dass wir diese Grenzen mit dem Einsatz von Farbe überwinden konnten.

In welcher Phase Ihrer Entwürfe kommt Farbe ins Spiel?


Das Farbkonzept ist von der ersten Idee an integraler Bestandteil unserer Entwürfe. Bei der Hauptverwaltung der GSW in Berlin waren die Sonnenschutzläden an der Westfassade bereits in unserem Wettbewerbsbeitrag in einer roten Farbfamilie gehalten. Bei dem Umweltbundesamt in Dessau war Farbe von Beginn an Teil des Konzeptes, das Gebäude trotz seiner Länge auf die unterschiedlichsten Gegebenheiten seines städtischen Umfeldes reagieren zu lassen. Auch beim Museum Brandhorst gab es von Anfang an ein Farbkonzept, das dann parallel zu dem veränderten Fassadenmaterial immer weiterentwickelt wurde.

Müssen Sie sich mit sehr viel Widerstand auseinander setzen?


Wie bei jedem Entwurf löst eine starke Idee starke Reaktionen aus - positive wie negative. Komischerweise gibt es an uns mehr Kritik von Architekten, die in ihren Vorstellungen, wie man Materialien zu verwenden hat, voreingenommen sind. Die Öffentlichkeit reagiert meist intuitiver auf unsere Räume.

Haben Sie nicht Angst, dass Farbe aus der Mode kommt oder dass sie die Leute irgendwann langweilt?


Es steht eine unglaubliche Arroganz hinter der Vorstellung, Architektur sei „zeitlos". Offensichtlich ist sie das selten. Wertvolle Gebäude haben, genau wie interessante Menschen, Charakterzüge, die die Zeit überdauern, - Eleganz, Großzügigkeit oder Poesie - und dennoch, sie sind immer verwurzelt im Kontext ihrer Zeit.

Bestimmen Sie die Farben bei Ihren Projekten eher intuitiv oder gibt es da einen wissenschaftlichen Zugang?


Die einfache Antwort lautet: intuitiv. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir nicht systematisch vorgehen. Normalerweise probieren wir in allen Arbeitsphasen wieder und wieder eine Menge verschiedener Farbkombinationen aus, bevor wir uns entscheiden. In diesem Prozess erörtern wir verschiedene Möglichkeiten und versuchen, unsere Wahrnehmungen zu rationalisieren. Wir simulieren dann - und das gilt für alle Aspekte des Entwerfens - mit Zeichnungen und Modellen. Wir folgen aber keinem vorgegebenen System. Die endgütige Entscheidung trifft immer das Auge.

Sie arbeiten mit Zeichnungen, Computermodellen, Collagen und Malerei - aber wie übertragen Sie diese dann auf die eigentliche Architektur?


Unsere wichtigste Methode ist in der Tat der Test am Bau selbst, im Maßstab 1:1. Bei dem Hochregallager für Sedus in Dogern zum Beispiel wollten wir die Farbe als eine Art „camouflage" einsetzen, um das riesige Volumen des Gebäudes in seiner ländlichen Umgebung verschwinden zu lassen. Dazu haben wir eine Art "Pixel-Fassade" mit 20 Farben entworfen. Wir haben unzählige Versionen davon in Foto-Collagen aus der Sicht verschiedener Ausgangspunkte und Entfernungen angefertigt, bis wir die Farben für eine 1:1 - Musterfassade vor Ort festgelegt haben. Mit dem Ergebnis, dass wir eine Farbe ausgetauscht und andere leicht verändert haben. Der Eindruck vor Ort ist immer anders als auf den Zeichnungen - er ist immer besser.

Wie sind Sie beim Museum Brandhorst vorgegangen?


Die größte Herausforderung ist immer, die gewünschte Farbe auf das entsprechende Material zu übertragen. Anhand von bestehenden Mustern, anderen Farbreferenzen und Produktsammlungen erläutern wir einer Firma unsere Vorstellungen, damit sie unser Gesamtkonzept versteht und im Auge behält. Das ist sehr wichtig, denn letztendlich sind wir vom Auge des Herstellers abhängig - egal ob es sich um Glas, Keramik oder andere Materialien handelt. Im Fall von Brandhorst haben wir während dieses Prozesses den Hersteller mehrfach besucht, dazwischen gab es ungefähr zehn bis zwölf schrittweise Abänderungen der Farbfamilien. In manchen Fällen konnten wir die "Unregelmäßigkeiten" als eine andere Farbe uminterpretieren. Es blieb ein bis zum Ende dynamischer Prozess, denn keine einzelne Farbe kann vor den anderen freigegeben werden, weil jede Farbe wiederum die anderen Farben beeinflusst.

Wie ist das Verhältnis zwischen Farbe und Material in Ihren Gebäuden?


Wir kontrastieren gern die Abstraktion der farbigen Oberflächen mit den taktilen Eigenschaften bestimmter Materialien. Auf der anderen Seite versuchen wir oft auch die materielle Qualität der Farbe selbst zu finden, in der Tiefe der Oberfläche. Das Museum Brandhorst erscheint aus der Distanz gesehen in neutralen Farben, weil sich die einzelnen Stäbe zu einer großen Masse zusammenziehen. Nähert man sich, kommen die einzelnen Schichten mehr und mehr zum Vorschein, bis man aus nächster Nähe dann die Tiefe und besondere Haptik der Keramikglasur wahrnehmen kann.

Sollte Farbenlehre Teil des Architekturstudiums sein oder ist das etwas, das man sich nur selbst aneignen kann?


Studenten sollten auf jeden Fall ermutigt werden, mit Farbe zu arbeiten, genauso wie sie zeichnen und Modelle bauen sollten - nicht als künstlerisches Alibi, sondern als Mittel der Erforschung und um ihr Spektrum an Erfahrungen zu erweitern. Farbtheorien wie von Itten fanden wir nie besonders inspirierend. Man kann Farbe nicht wie ein wissenschaftliches Thema behandeln, Farbe hat immer mit Praxis zu tun.

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