Baukultur und Bewusstheit
by Regine Geibel
2004-2026 22

Anzeige

Polyvagal-Theorie und Hotelplanung

Polyvagal-Theorie und Hotelplanung

Polyvagal-Theorie und Hotelplanung: Warum Sicherheit die Basis für Genuss und Erholung ist

Wertvolle Erkenntnisse aus Psychologie und Hirnforschung macht man sich in der Werbung – mit der Absicht, den Umsatz zu steigern – schon lange zunutze und nennt es Neuromarketing. Weshalb nutzen wir diese Erkenntnisse über eine unbewusst ablaufende, sogenannte Neurozeption nicht viel stärker in der Gestaltung von Räumen?

Was in der Marketingwelt oft bereits in den Bereich der unethischen Manipulation abrutscht, lässt sich bei der Interior-Planung absolut ethisch-moralisch einwandfrei anwenden: um Menschen auf tiefster neurobiologischer Ebene ein Gefühl von echter Sicherheit, Geborgenheit und Wohlbefinden zu vermitteln.

Die Polyvagal-Theorie: Wie unser Nervensystem Räume scannt

Der US-amerikanische Neurowissenschaftler und Psychologe Dr. Stephen Porges hat die sogenannte Polyvagal-Theorie aufgestellt. Er untersuchte das komplexe Zusammenspiel von sympathischem und parasympathischem Nervensystem. Die Theorie besagt – kurz gefasst –, dass das Gefühl von Sicherheit für den Menschen die grundlegende Voraussetzung für jede Form von Regeneration, Heilung und sozialer Interaktion ist.

Unser autonomes Nervensystem scannt ununterbrochen und vollkommen unbewusst unsere Umgebung auf Anzeichen von Gefahr oder Sicherheit. Diesen Vorgang nennt Porges Neurozeption. Die Neurozeption unterscheidet nicht zwischen realen Bedrohungen und unbewusst wahrgenommenen Reizen im Raum. Nimmt das Nervensystem Sicherheit wahr, wird der sogenannte ventrale Vagus-Komplex (ein Ast des Vagusnervs) aktiviert: Wir treten in den Zustand der Entspannung, können uns öffnen und genießen.

Neurozeption im Raum: Voraussetzung für Genuss und Erholung

Was hat nun die Polyvagal-Theorie mit der Gestaltung von Hotels zu tun?

Nun, wenn das Ergebnis dieses ständigen, unbewusst ablaufenden Scans (Neurozeption) positiv ausfällt, ist unser autonomes Nervensystem in Balance und wir können uns entspannen. Ein balanciertes vegetatives Nervensystem ist die zwingende neurobiologische Voraussetzung für jegliche Form von Wohlgefühl und Genussempfinden.

Es liegt auf der Hand: Sicherheits- und Geborgenheitsgefühle sind die fundamentale Basis für einen gesunden, tiefen Schlaf. Und selbst das beste Gourmet-Essen sowie der köstlichste Wein können nur dann vollkommen genossen werden, wenn die Kapazitäten unseres Nervensystems frei für Genuss sind – statt im Hintergrund damit beschäftigt zu sein, ununterbrochen vor latenter Gefahr zu warnen. Denn das Überleben hat archaisch betrachtet immer Vorrang vor dem Genießen.

Atmosphäre und Raumpsychologie: Worauf Architekten Einfluss haben

Natürlich kann man sich jeglichen Genuss auch verderben, indem man sich mit seiner Begleitung streitet oder sich über eine unhöfliche Bedienung ärgert. Aber darauf haben wir Architekten wenig Einfluss… ;-)

Worauf wir jedoch einen immensen Einfluss haben – und das ist im anspruchsvollen Konstrukt eines Hotels besonders entscheidend –, ist das Schaffen von Räumen und Atmosphären, die selbst der sorgfältigsten Neurozeption standhalten.

Warum die Berücksichtigung des Vagusnervs bei der Hotelplanung so wichtig ist

Wenn Sie ein Privathaus planen, stimmen Sie dieses exakt auf die individuellen Bedürfnisse der wenigen Bewohner ab. In ein Hotel hingegen kommen täglich neue Gäste, für die dieser Ort völlig unbekannt ist. Während sich Bewohner eines Hauses an spezifische Gegebenheiten gewöhnen, befindet sich der Hotelgast in einer fremden Umgebung. Und eine fremde Umgebung birgt für das archaische Nervensystem zunächst per se ein potenzielles Risiko.

Praxisbeispiel: Wenn Verstand und Alarmsystem gegeneinander kämpfen

Hierzu eine kleine Schilderung als Beispiel:

Wir sind in einem wunderschönen Ferienhaus direkt an einem kleinen See, auf einem Gelände mit sehr angenehmer Atmosphäre. Im Wohnraum prasselt das Feuer im Kamin, der Esstisch steht an den großen gläsernen Schiebetüren, die auf die hölzerne Terrasse am Wasser hinausführen. Das Essen ist köstlich, der ausgewählte Wein passt perfekt. Herrlich, nicht?

Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass ich dennoch den gesamten Abend nicht wirklich genießen konnte. Was war passiert? Es fehlten die Vorhänge! So verbrachten wir den gesamten Abend an der dunklen Fensterscheibe sitzend. Nichts von dem, was draußen passierte – beziehungsweise hätte passieren können – konnten wir sehen.

Sympathikus vs. Parasympathikus: Der unbewusste Konflikt

In einer solchen Situation läuft im Körper ein regelrechter Kampf zwischen Verstand und biologischem Alarmsystem ab. Der Verstand versucht zu beruhigen, indem er auf logische Erfahrungen zurückgreift: „Wir sind in Bayern, nicht im Krisengebiet, hier passiert nichts.“ Die Neurozeption läuft jedoch auf Hochtouren und meldet unaufhörlich potenzielle Gefahr aus dem unbeleuchteten Dunkeln.

Die Raumpsychologie kennt dieses Phänomen als Verletzung der sogenannten Prospect-Refuge-Theorie (Sicht und Schutz): Der Mensch benötigt evolutionär den Schutz im Rücken und den freien Blick nach vorne. Fehlt dieser Schutz, gerät das Nervensystem in eine unterschwellige, chronische Erregung (Hyperarousal). Dieser unbewusste Widerstreit zwischen Sympathikus (Aktivierung) und Parasympathikus (Entspannung) steht jeglicher Regeneration im Weg. Dass die Glasscheiben zudem kalt abgestrahlt haben und einen unangenehmen thermischen Kontrast zum Kamin bildeten, verstärkte das körperliche Unbehagen zusätzlich.

Typische Quellen des Unbehagens in der Hotellerie und Gastronomie

Das gleiche Gefühl oder ein sehr ähnliches Unbehagen können im Restaurant weitere klassische Fehlplanungen auslösen:

  • Sitzplätze mit dem Rücken zur Eingangstür oder zum Hauptdurchgang: Das Fehlen einer geschützten "Rückendeckung" verhindert die Aktivierung des ventralen Vagus.
  • Unruhezonen: Sitzplätze direkt neben der Besteckschublade oder der Anrichte, die in kurzen Abständen lautstark bedient werden. Wenn das grelle Licht in der Küche im Gastraum stark sichtbar ist.
  • Akustische Stressoren im Hotelzimmer: Zimmer in direkter Nähe zum Aufzug. Der Versuch zu schlafen, während ständig das erst leise, dann anschwellende Surren der Technik zu hören ist, ist fast aussichtslos. Low-Frequency-Geräusche halten den Sympathikus aktiv.

Fazit: Neuro-Architektur als Erfolgsfaktor für Hotels

Im neurobiologischen Sinne kann der Aufenthalt in einem unsensibel gestalteten Hotel puren Stress bedeuten. Um das zu vermeiden beziehungsweise die Stressreaktion der Gäste so gut wie möglich zu reduzieren, sollten wir Architekten und Innenarchitekten bei der Planung dieses oft unterschätzte, aber fundamentale menschliche Bedürfnis nach Sicherheit konsequent berücksichtigen.

Wenn Architektur und Interior Design gezielt auf die Neurozeption abgestimmt sind, wird der Raum selbst zu einem Co-Regulator für das Nervensystem – der Gast kommt an, entspannt sich tiefgreifend und fühlt sich rundum wohl. 

 

Mehr zu diesem Thema können Sie in der Beschreibung meiner Vorgehensweise als Hotel-Planerin und Beraterin hier lesen. Denn ich plane und berate vor allem Hotels hinsichtlich nachträglicher, spürbarer Verbesserungsmöglichkeiten.



18.06.2024

Foto: © peter oswald | unsplash