Zeitgenössische Architektur in Bayern

Couragierter Quereinstieg

Weine degustieren und Einblick in den Produktionsprozess bekommen: Eine ursprünglich fachfremde Frau kombiniert in ihrer Weinmanufaktur in Bad Kissingen beides. Und das in coolem Industrial Look hinter historischer Fassade. Chapeau!

Das Deutsche Weininstitut (DWI) zeichnete den Betrieb im Jahr 2021 als einen der 30 Gewinner des Wettbewerbs "Ausgezeichnete Vinotheken" aus. Die prämierten und an der Verleihung teilhabenden Vinotheken wurden aus 144 Bewerbern nach strengen Qualitätskriterien ausgewählt. Dazu zählen neben einem architektonisch stimmigen Gesamtbild und einer modernen, hochwertigen Innenausstattung auch Aspekte wie Öffnungszeiten, Sitzgelegenheiten, ansprechende Produktpräsentationen, ein attraktiver Internetauftritt oder weiterführende Informationen über die Region und zu touristischen Angeboten.

Eine Leidenschaft für Wein hatte Kathrin Baier-Buttler schon immer. Vom Fach war die studierte Betriebswirtschaftlerin aber nicht, die nach ihrem Abschluss schwerpunktmäßig im Marketing für Bau und Baumaterialien tätig war. Trotzdem wagte sie es, 2010 mit einem eigenen kleinen Weingut an den Start zu gehen. „Alle haben mich für verrückt erklärt", blickt die couragierte Quereinsteigerin zurück. „In Hammelburg, der ältesten Weinstadt Frankens, war ich ein echter Exot". Seither hat sie sich mit einem Team aus qualifizierten „Überzeugungstätern" auf trockene bis sehr trockene Weiß-, Rosé- und Rotweine spezialisiert.

Sie werden über namhafte Online-Weinhändler, die Spitzengastronomie, den eigenen Online-Shop von Weinwerk und zu 90% im Direktvertrieb verkauft. Der feinperlige Secco „#1" wird außerdem während der Konzertpausen im berühmten Bad Kissinger Regentenbau ausgeschenkt.

Verbindendes Element aller Flaschen sind die schwarzen, schlicht gestylten Etiketten und besondere Namen wie „FeuerWerk", „Apropos" oder „Lola Montez".

Den Bocksbeutel, den auch Kathrin Baier-Buttler als lokale Winzerin benutzen darf, ließ der Fränkische Weinbauverband durch die Hamburger Marken- und Designagentur Peter Schmidt Group gestalten.

Industrial Look hinter historischer Fassade

Gespür für modernes Marketing beweisen aber nicht nur die Weinwerk-Produkte. In der Weinmanufaktur in Bad Kissingen werden sie seit 2020 auch in außergewöhnlichem Ambiente vinifiziert, verkauft und verkostet: Architekt Stefan Buttler, Ehemann von Kathrin Baier-Buttler, hat dafür einen Pavillon von 1873 rundum saniert, der direkt am Rosengarten liegt. Wegen der Denkmalschutz-Auflagen wurden die historische Fassade des Gebäudes, das zuletzt einen Orientteppich-Handel beherbergte, originalgetreu erhalten und innen alte Bruchsteinwände freigelegt.

Im Kontrast dazu steht Industrial-Look mit geschliffenen Betonböden, einer gewundenen Treppe aus rohem Stahl und einer Wand aus 1.000 beleuchteten Weinflaschen; alle Möbelstücke wurden individuell ausgewählt oder eigens entworfen.

Das Erdgeschoss teilen sich Shop und Wein & Tapas Bar, im ersten Stock liegt der Event-Bereich mit Festsaal und vorgelagerter Dachterrasse. Die Weinproduktion ist ins zweite Obergeschoss gezogen, da sie im Keller wegen der Heilwasser-Vorkommen von Bad Kissingen nicht erlaubt war. Hohe Edelstahltanks ragen bis in die markante Kuppel, Rotweine reifen in der „Schatzkammer" daneben in Barrique-Fässern aus amerikanischer Eiche. Um ihre Last zu tragen, musste die Statik des betagten Gebäudes mit neuen Bodenplatten und Stützen aufwändig angepasst werden.

Einblick in den gesamten Produktionsprozess

Dank dieser Kombination können Gäste einen Einblick in den gesamten Produktionsprozess von der Anlieferung der handgeernteten Trauben über die Filtration bis zur Abfüllung bekommen, aber auch Weine degustieren. Anlässe dazu gibt es rund ums Jahr – egal ob spontaner Besuch in der Wein & Tapas Bar oder Teilnahme an einer der Veranstaltungen wie „White Dinner", „Meet the Artists" während des Kissinger Sommers, „Federweißenabend" oder „Rakoczyweinprobe" parallel zum gleichnamigen Fest, das an die glanzvolle Geschichte von Bad Kissingen erinnert. Ab 1833 machte das Städtchen nämlich als Modebad Karriere, das die europäische Aristokratie genauso anzog wie Künstler, Literaten und Musiker. Bis heute sind repräsentative Bauten der damaligen Star-Architekten Friedrich von Gärtner und Max Littmann erhalten geblieben und in Benutzung – ein wichtiges Kriterium für die Bewerbung von Bad Kissingen als eines der elf „Great Spas of Europe", die gemeinsam UNESCO-Weltkulturerbe werden wollen.

www.weinwerk-hab.de: Die Öffnungsmöglichkeiten der Wein & Tapas Bar in der Weinmanufaktur sowie alle Veranstaltungs-Termine hängen von den aktuellen Corona-Auflagen ab.

www.bad-kissingen.de

Alle Fotos: Weinwerk/Weinmanufaktur