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1 Million für performative Interventionen

Die Public Art Munich zeigt ab Ende April an verschiedensten Orten der Stadt performative Interventionen, denn Kunst findet die verantwortliche Kuratorin Joanna Warsza am spannendsten ohne den Schutz institutioneller... Mauern von Museen oder Galerien.

 

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Joanna Warsza, welches Konzept steckt hinter der Public Art Munich 2018?

PAM ist eine Ausstellung in Minuten und nicht Quadratmetern, d.h. wir zeigen bei der Eröffnung am 30.4. und den Wochenenden bis 27.7. an Orten vom Amerikahaus über Bellevue di Monaco bis Bayerischer Hof performative Interventionen, die nur an diesen Terminen zu sehen sind und unterschiedliche Themen haben. So ergibt sich ein riesiges, interdisziplinäres Puzzle mit vielen Synergien.

Kannten Sie München bereits vor Beginn Ihrer Arbeit?

Ich war bis dahin nur einmal zu Besuch. Seit meiner Berufung als Kuratorin habe ich mich intensiv mit der Stadt auseinandergesetzt, um relevante Fragezeichen und Dilemmata zu finden. Städte sind generell mein Thema und das Material, mit dem ich unter anderem in meiner Heimatstadt Warschau oder Tiflis gearbeitet habe. Kunst finde ich am spannendsten ohne den Schutz institutioneller Mauern von Museen oder Galerien.

München gilt eher als brav und beschaulich. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Unter der geordneten und konservativen Oberfläche gibt es auch Subversives und Verrücktes. Ausgerechnet hier entstand vor 100 Jahren die Räterepublik, die einen Schwenk ganz nach links bedeutete. Im Olympiapark konnte der russische Eremit Timofei in den 1950er Jahren mit seiner Frau zwei Holzhäuser und eine Kapelle ohne Genehmigung bauen, die bis heute stehen. Nirgendwo sonst wurden ankommende Flüchtlinge 2015 mit so offenen Armen empfangen wie hier am Hauptbahnhof. Der Fokus von PAM liegt anhand der Fallstudie von München auf solchen „Game Changers" und ideologischen, soziopolitischen und symbolischen Wendepunkten.

Ein Drittel der von Ihnen eingeladenen Künstler stammt aus München, zwei Drittel kommen aus dem In- und Ausland. Was war der Grund für diese Auswahl?

Der Blick mit Distanz und von außen bringt andere Perspektiven ins Spiel, die mir zusätzlich zu denen von „Insidern" wichtig waren. Einigen Künstlern habe ich Orte für ihre Arbeiten vorgeschlagen, andere kamen mit eigenen Ideen auf mich zu.

Veranstaltet und finanziert wird PAM 2018 durch die Stadt München. Wie groß war ihr Einfluss auf das Programm?

Alles wurde natürlich mit den Verantwortlichen abgestimmt. Dennoch hatte ich totale künstlerische Freiheit. So etwas kenne ich gar nicht. Der Etat von einer Million Euro ist zur Hälfte in das große Team geflossen, zur Hälfte in die Auftragsarbeiten.

PAM will „Kunst in der Öffentlichkeit" zeigen und bei freiem Eintritt „offen für alle" sein. Wie groß ist der Erklärungsbedarf bei Ihren Events?

Sie sollten sich einem möglichst breiten Publikum idealerweise von selbst erschließen. Zusätzlich gibt es ein diskursives Programm mit Debatten sowie Publikationen, weil wir einen hohen künstlerischen Anspruch haben. Als zentrale Anlaufstelle und einzige permanente Struktur wurde von den zwei Architekten Flaka Haliti und Markus Miessen ein Pavillon auf dem Viktualienmarkt entworfen, wo wir täglich von 11 bis 18 Uhr über PAM informieren. Zudem ist hier SALVAVITA integriert, eine ungewöhnliche und unregelmäßige Aperitivo Bar.

Welche Rolle spielt Architektur bei PAM?

PAM findet an 20 unterschiedlichen Orten im öffentlichen, urbanen Raum statt – egal ob Allianz Arena, Volkssternwarte, Moschee in Freimann oder MaximiliansForum. Für uns zählt nicht ihr Design, sondern dass jeder von ihnen ein besonderes Ambiente, seine spezifische Geschichte hat und Menschen eine andere Art von Interaktion ermöglicht.

 

Infos:
Startschuss zu Public Art Munich 2018 ist die Auftaktveranstaltung am 30.4. Sie beginnt mit der Installation von Aleksandra Wasilkowska in der Ost-West-Friedenskirche. Anschließend führt die „Parade of the W(e/a)k" von Anna McCarthy und Gabi Blum zum Olympiastadion. Dort zeigt Massimo Furlan um 19 Uhr die legendäre WM-Fußball-Partie DDR-BRD 1974 als Reenactment mit nur zwei Spielern. Dazu eingespielt werden Original-Radiokommentare.
Bis 27.7. präsentiert Public Art Munich 2018 jedes Wochenende performative Interventionen an verschiedenen Münchner Orten. Täglich geöffnet ist der Pavillon am Viktualienmarkt. Alle Informationen und Termine unter www.pam2018.de

 

Aleksandra Wasilkowska über ihre Installation in der Ost-West-Friedenskirche:

„Ich wusste auf Anhieb: Das ist mein Platz. Dieser Ort ist wie eine Wunde, steckt voller Anarchie und ist doch seit Jahrzehnten ein Bestandteil von München. Für meine Installation haben wir eine schwebende Decke aus silberner Folie unter die bereits vorhandene eingezogen, die sich – gesteuert durch einen Algorithmus und Motor – wie eine Wolke atmender Architektur organisch bewegt. Der Legende nach soll das glitzernde, zarte Deckengewölbe Günter Behnisch zum Zeltdach des Stadions inspiriert haben. Dazu hört man die Stimme von Timofeis Frau Natascha und spirituelle Texte über ihre fiktive Religion. Diese Mischung aus Physischem und Digitalem ist für mich ein Lobgesang auf eine Stadt, die sich durch ihre fortlaufenden Verhandlungen selbst organisiert, und auf die Fantasie von Neuankömmlingen, die die urbane Realität Münchens kontinuierlich verändern."