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Interview mit Kammerpräsident Lutz Heese

Herr Dipl. Ing. Lutz Heese ist seit November 2003 Präsident der Bayerischen Architektenkammer und geschäftsführender Gesellschafter der ABH-Architektenbüro Heese GmbH in München

MUENCHENARCHITEKTUR.DE:
Es ist allgemein bekannt, dass die Aktivitäten der Bayerischen Architektenkammer und die Veranstaltungen im Haus der Architektur zugenommen haben. Hierbei unterscheiden Sie zwischen Fachvorträgen und Weiterbildungsmaßnahmen für Mitglieder/Architekten und den Veranstaltungen, zu denen auch die interessierte Öffentlichkeit eingeladen ist.
Wie erreicht die Kammer diese Öffentlichkeit? Wie groß ist das Interesse? Halten Sie, vielleicht sogar in Statistiken, fest, wie hoch der prozentuale Anteil der interessierten Öffentlichkeit im Verhältnis zu den Fachleuten ist? Haben Sie den Eindruck, dass sich die Anzahl der Besucher aus dieser Richtung steigert?

HR. HEESE: Wir haben bereits vor 4 Jahren, als der Neubau fertig gestellt wurde, Listen ausgelegt, in die sich Interessenten eintragen konnten. Bei grösseren Veranstaltungen wird auch die Tagespresse informiert. Wir wollen damit ein Forum schaffen und die Öffentlichkeit einbeziehen.
Eine Statistik gibt es nicht, aber schätzungsweise ist das Verhältnis - je nach Veranstaltung - inzwischen 50/50 mit steigender Tendenz. Das ist erfreulich, denn wir wollen nicht im eigenen Saft schmoren. Im Durchschnitt kommen pro Veranstaltung ca. 150 Besucher, das macht ca. 6.000 Teilnehmer innerhalb der letzten drei Jahre.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE:
Die Architektouren werden immer beliebter. Der Beirat hat in diesem Jahr 249 Objekte ausgewählt. Nach welchen Kriterien werden die Projekte ausgewählt? Hatte man damals, zu Beginn der Aktion vor 11 Jahren mit dem ungeheuren Erfolg gerechnet? Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

HR. HEESE: Bei den Architektouren geht es grundsätzlich darum, fertig gestellte Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Auswahl durch den Beirat hat nur den Sinn, dass keine Gebäude veröffentlicht werden, die uninteressant sind oder sich "doppeln". Der Beirat besteht nicht ausschliesslich aus Architekten, sondern z.B. auch aus Journalisten. Es gibt zwar gelegentlich Beschwerden derjenigen, die abgelehnt werden, aber eine Hürde nehmen zu müssen spornt schliesslich auch an.
Dieses Jahr sind an beiden Tagen der Architektouren Fußballspiele, da wird es sich zeigen, wie groß das Interesse ist...(lacht) Wir machen aber im Programmheft darauf aufmerksam, so dass die Anfangszeiten der Spiele berücksichtigt werden können. Schön wäre es auch die Übertragung in die Besichtigung einzubeziehen und eine Fußballparty daraus zu machen; nach dem Motto: Besichtigung von 13.00 bis 15.00 Uhr, danach gemeinsames Fußball-Gucken im Wohnzimmer. (lacht)
Die Architektouren 2006 finden am 24. und 25. Juni statt.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Die Lage der Bau- und Planungswirtschaft ist bekanntermaßen alles andere als rosig.
Stellen Sie sich vor, Sie sind jetzt 20 Jahre alt - würden Sie der heutigen Lage zum Trotz Ihren „Traum" (sofern es einer war) Architektur zu studieren wieder verwirklichen? Wie würden Sie als Berufsanfänger Aufträge akquirieren?

HR. HEESE: Ich würde diese Entscheidung wieder ganz genauso treffen, denn es war mein Traum Architekt zu werden. Als ich 20 war, war die Lage auf dem Arbeitsmarkt in der Baubranche auch schlecht. Die Berufsberatung am Gymnasium warnte regelrecht davor Architektur zu studieren. Ich habe es trotzdem gemacht und nie bereut.
Auch jetzt ist vom Studium der Architektur nicht unbedingt abzuraten, denn man kann nach dem Studium in der Selbständigkeit klein anfangen, mit kleinen Bauvorhaben, die sich zum „Üben" einer intensiven Betreuung gut eignen. Damit kann eine Selbständigkeit beginnen. Wenn man mit Projekten, wie Dachgeschossausbauten, Altbausanierungen etc. eine gute Leistung beweist, kommen auch weitere Aufträge. Die schlechte Konjunktur schlägt sich zuerst auf die grossen Aufträge nieder. Von knapp 20.000 Mitgliedern der ByAK sind rund 10.000 selbständig. Nur sehr wenige haben bisher Insolvenz anmelden müssen, da es viele kleine Büros gibt, die sich länger halten können als die sehr großen.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Sie waren hier in München sowie in Nürnberg und Würzburg - die ersten, die eine Ombudsstelle für Arbeit suchende Architekten eingerichtet haben. Wie muss man sich den Ablauf vorstellen? Wer berät? Mit welchen Informationen verlässt ein arbeitsloser Architekt den Termin?

HR. HEESE: Die Ombudsstellen wurden eingerichtet, um eine anonyme Hilfestellung zu bieten, die bis zur Insolvenzberatung geht. Wir wollen gemeinsam mit den Betroffenen erarbeiten wie man ihnen helfen kann und mit ihnen die Angebote aus der Jobbörse (auf der Internetseite der ByAK) durchgehen. Wir eröffnen ihnen auch die sog. Nischen, also Randbereiche der klassischen Architektentätigkeit. Z.B. kann man in einigen Orten arbeitslose Architekten für Städteführungen einsetzen. Wäre doch gelacht, wenn man so gut ausgebildete junge Leute nicht „unterbringen" könnte. Die Zeiten in denen es - wie nach dem Krieg - darum ging Neubauten zu erschaffen, sind leider vorbei. Jetzt geht es um andere Dinge wie Baulückenschliessung, Solarenergienutzung, Sanierung von Altbauten etc.
Wir bieten ihnen auch, wenn gewünscht, einen Erfahrungsaustausch mit anderen Arbeitssuchenden. Generell ist der erste Schritt bei der Unterstützung der Arbeit-Suchenden ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht allein gelassen werden.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Wenn Sie sagen, dass die Zeiten der "Neubauten" vorbei sind, müsste sich die Ausbildung dementsprechend ändern. Haben Sie Einblick in die Lehrpläne der Hochschulen und nimmt die Bayerische Architektenkammer Einfluss auf die Ausbildung?

HR. HEESE: Es gibt einen regen Austausch zwischen der Kammer und den Hochschulprofessoren, zum Beispiel gibt es die so genannten Dekane-Gespräche in der Kammer, bei denen durchaus „Druck auf dem Kessel" ist. Das Thema Lehre ist ein wichtiges Thema für uns, über das wir uns Gedanken machen und auch Themen anstoßen. Vorschriften kann die Kammer jedoch nicht machen, da nach dem deutschen Hochschulrecht kein „Eingriff" möglich ist. Aber das Einmischen der Kammer ist willkommen, da das Thema Ausbildung aktuell und brisant ist.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Sie bieten eine Menge an Fortbildungsveranstaltungen, wie z.B. die Ausbildung zum Mediator und Sie bieten Unterstützung beim Thema Architekturexport indem Sie über Chancen und Herangehensweisen zur Arbeit im Ausland informieren. Für wie viel Prozent der Architekten wird es in Zukunft in diesen Nischen berufliche Chancen geben?

HR. HEESE: Die Prozentzahl wird steigen. Zunehmend gehen bayerische Architekten ins Ausland um dort zu arbeiten. Ca. 5-10% der deutschen Architekten waren schon mal im Ausland tätig. Im Vergleich zu anderen Branchen ist das noch sehr wenig. Im Rahmen der Globalisierung wird dieser Anteil zunehmen müssen. Vor allem weil unsere Ausbildung sehr gut und umfangreich ist. Deutsche Architekten und Ingenieure genießen nach wie vor einen hervorragenden Ruf im Ausland.
Die ersten Teilnehmer haben ihre Ausbildung zum Mediator gerade abgeschlossen. Die Fortbildung umfasst 150 Std. und kostet rund 7.000,00 Euro. Ist die Ausbildung lediglich für die Baubranche gedacht, oder kann der frisch gebackene Mediator damit auch Streit in anderen Branchen schlichten? Wie geht's jetzt für die derzeitigen Absolventen weiter?
Als Mediator kann man diese Fähigkeiten sicher auch in anderen Bereichen einsetzen, weil sie einem generell zugute kommen. Die Fähigkeit zu schlichten, ist immer hilfreich, fachlich ist sie allerdings auf die Baubranche beschränkt. Das ist aber nicht schlimm, denn hier gibt es, wie allgemein bekannt, leicht Streit... Die Leiterin unserer Akademie für Fort- und Weiterbildung steht in Kontakt mit den Absolventen und hat Kenntnis über den weiteren Verlauf. Da der Mediator selbständig tätig ist, muss er - wie alle anderen Freiberufler - seine Qualifikation jetzt bekannt machen um Aufträge zu akquirieren.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE:
Das Werbeverbot für Architekten ist in der letzten Zeit sukzessive gelockert worden. Finden Sie, dass dies langsam zu weit geht? Sind die Tageszeitungen demnächst voll von Kleinanzeigen in denen Architekturbüros mit ihrer Leistung werben?

HR. HEESE: Die Gerichte haben entschieden, dass die Kammern die Möglichkeiten zu werben nicht unangemessen einschränken dürfen. Verboten ist inzwischen nur noch, dass sich der Architekt von einer Firma seine Werbung bezahlen lässt. Er darf seine Unabhängigkeit nicht verlieren, nicht zuletzt, weil er treuhänderisch tätig ist. Ansonsten unterliegt er nur den Beschränkungen des Wettbewerbsrechts.
Die Schaltung einer Kleinanzeige nutzt meines Erachtens nicht viel, da so etwas Wichtiges wie ein Hausbau nicht aufgrund einer Anzeige beauftragt wird. Sie enthält nicht genug Informationen um sich ein Bild von dem werbenden Büro zu machen.
Ich bin aber sicher, dass sich die Spreu vom Weizen von alleine trennt...

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Eine uns bekannte Projektentwicklungssgesellschaft kritisierte neulich die untauglichen modernen Planungen der meisten Architekten. Nach dem Motto "Bauen fürs Feuilleton" und nicht für die Behaglichkeit des Bewohners/ Arbeit-nehmers. Können Sie diese Einstellung nachempfinden?

HR. HEESE: Architekten können in den allermeisten Fällen nur das planen, was der Bauherr beauftragt und es ist absolut zulässig, dass sich der Bauherr etwas Spektakuläres wünscht. Also baut nicht immer der Architekt am Geschmack vorbei, sondern es sind auch die Auftraggeber, die sich ein Aufsehen erregendes Gebäude wünschen. Eines der ältesten Beispiele hierfür ist König Ramses, der den Bau der Pyramiden in Auftrag gab. Da heutzutage der Markt entscheidet, ist es legitim Aufmerksamkeit erregen zu wollen.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Die Bayerische Architektenkammer verfügt über einen neohistorischen Altbau und den Neubau, der gegensätzlicher nicht sein könnte. Welcher gefällt Ihnen besser?
In welchem von beiden Gebäuden haben Sie Ihr Büro? Würden Sie gern tauschen?

HR. HEESE: Wir wollten uns selbst nicht nur mit dem denkmalgeschützten Gebäude darstellen, sondern wünschten uns zusätzlich ein modernes, zeitgenössisches Haus, welches das heutige Bauen repräsentiert. Ich bin mit beiden gleich zufrieden, da sie in der Kombination ein schönes Beispiel für den Spagat sind zu dem die Architektur in der Lage ist. Leider bekommt der Präsident keine zwei Büros, sonst hätte ich gerne auch eines im Neubau (lacht).

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Nutzen Sie das Internet? Privat oder beruflich? Kennen Sie die Plattform
www.muenchenarchitektur.de?

HR. HEESE: Ja, ich nutze das Internet, aber meistens lasse ich es für mich nutzen...Ich bin nicht mit Computern und auch nicht mit dem World Wide Web aufgewachsen, so dass ich beim surfen nicht besonders schnell bin. Schnell hingegen ist meine Assistentin, die mir in Windeseile alles heraus sucht, was ich brauche.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Wie Sie dann wissen veröffentlichen wir kontinuierlich u.a. Ihre Veranstaltungs-Hinweise und bieten das Akademieprogramm der ByAK zum download an.
Wie gefällt Ihnen dieser kostenlose Service?

HR. HEESE: Ich finde diesen Service ausgesprochen sinnvoll und halte ihn für die ideale Ergänzung dessen, was die Bayerische Architektenkammer anbieten kann. Denn es gibt einen großen Bedarf über das hinaus, was eine Körperschaft des öffentlichen Rechts leistet.
Sie befinden sich mit Ihrem Portal im Wettbewerb, da das was Sie machen, jeder machen dürfte. Ich habe großen Respekt für Ihre Tätigkeit und finde es sehr beachtlich, welch umfangreiches Interesse bereits an Ihrem Portal besteht.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Die Veranstaltungshinweise sind zwar interessant und sehr beliebt - unsere Kern-Ambition ist jedoch die Vermittlung von Aufträgen an unsere Mitglieder - hierfür machen wir uns sukzessive bei Bauträgern und Projektentwicklern bekannt.
Wir haben u.a. deswegen den Wettbewerb "Jung, schön und noch zu haben" ins Leben gerufen. (Bedingung: Planverfasser eingetragener Architekt) um deutlich zu machen, dass es sich lohnt ein Architekturbüro mit der Planung zu beauftragen und nicht - aus Kostengründen - den hausinternen Bauzeichner. Halten Sie solche Aktivitäten für sinnvoll?

HR. HEESE:
Ich finde diese Initiative sehr gut und befürworte sie. Der Kammer ist willkommen, was die Architektur ins Gespräch bringt.
Rendite für den Bauträger gibt es nur, wenn er einen Käufer findet, und den findet er nur, wenn die Planung überzeugt. Wenn jemand sich über Architekten-Honorare beschwert, sage ich immer, dass es sehr wenig reiche Architekten gibt. Die großen Honorare müssen bei uns schließlich auch für die schlechten Zeiten reichen.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Nun noch ein paar persönliche Fragen: Können Sie kochen?

HR. HEESE:
Ja! Kochen ist kreativ. Allerdings müsste diese Antwort wohl von denjenigen kommen, die das, was ich zubereite, essen. Aber ich nehme mir die Zeit dafür. Ich kaufe die Zutaten auch selber ein...

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Was haben Sie Ihrer Frau zum letzten Geburtstag geschenkt?

HR. HEESE: Oh...das war ein Kleid von...(überlegt)... Talbot Runhof. Es war ein Prospekt in der Post - an sie adressiert, aber ich habe ihn abgefangen und ein Kleid für sie ausgesucht. Gekauft haben wir es dann zusammen.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Welches ist Ihr liebstes Reiseziel?

HR. HEESE: Die Malediven.

MUENCHENARCHITEKTUR.DE: Was würden Sie sich wünschen wenn Sie 3 Wünsche frei hätten?

HR. HEESE: 1. Dass die Kreativität einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft behalten soll.
2. Dass Respekt, gegenseitige Achtung und der Wille zum Konsens den Umgang der Menschen untereinander prägen sollten.
3. Persönliches und berufliches Wohlergehen für alle bayerischen Architekten.


Das Interview mit Herrn Heese führten Regine Geibel und Claudia Jungblut am 20.03.2006