Zeitgenössische Architektur in Bayern

Interview mit Prof. Dr. Carla Schulz-Hoffmann

Interview mit Prof. Dr. Carla Schulz-Hoffmann

BE URBAN:
Herzlichen Glückwunsch, Frau Schulz-Hoffmann, Ihr Haus erfreut sich offensichtlich größter Beliebtheit. Gerade konnten Sie den 250.000sten Besucher in nur acht Monaten seit der Eröffnung des Museum Brandhorst begrüßen. Worin sehen Sie die große Attraktivität des Hauses begründet?


Carla Schulz-Hoffmann:
Die Gründe liegen in der Attraktivität des Gebäudes in Verbindung mit der gezeigten Kunst. Das ergibt ein Gesamtkunstwerk, bei dem die architektonische Hülle und die Ausstellungsinhalte eine wunderbare Einheit bilden. Ein zweiter Aspekt ist die Überschaubarkeit - man hat als Besucher nicht das Gefühl, mit einem riesigen Kunstpalast konfrontiert zu sein, den man ohnehin nicht bewältigten könnte. Schon das kleine Foyer baut Schwellenangst ab, der Besucher steht fast unmittelbar im Museum und fühlt sich aufgenommen. Die innenarchitektonische Gestaltung mit warmen Holztönen und Materialien, die man gerne anfasst, vermittelt eine freundliche, angenehme Atmosphäre. Von außen war die Architektur ja lange vor der Eröffnung bekannt und wurde entsprechend kommentiert. Die ungewöhnliche Farbigkeit hebt den Bau aus der Umgebung heraus. Die oft ironisch als „Missoni-Kleid", bezeichnete Fassade übt große Anziehungskraft aus. Sicher ist das enorme Besucherinteresse auch der hervorragenden Pressearbeit zu verdanken, die das Museum mit samt seinen Inhalten effizient nach außen hin kommuniziert hat.

Welche Besucherreaktionen auf das Gebäude haben Sie erlebt?

Überwiegend positive! Es gibt natürlich immer Unverbesserliche, die einfach kein Interesse an moderner oder zeitgenössischer Kunst haben. Aber denjenigen, die neugierig und mit offenen Augen das Museum besuchen, gefällt das Gezeigte durchweg und das Gebäude ohnehin. Bei der Kunst gibt es natürlich Vorlieben: Den einen gefällt z.B. Cy Twombly wegen seiner meditativen Ausstrahlung besonders, die anderen favorisieren die kühle Oberfläche von Andy Warhol. Ich habe jedoch immer wieder festgestellt, dass die meisten Besucher, sobald sie sich darauf einlassen - z.B. auf die riesige Vitrine mit Pillen von Damien Hirst - beginnen, sich mit der Kunst wirklich auseinander zu setzen.

Ihre ganz persönliche Meinung zum Gebäude?

Ausgezeichnet! Da ich von Anfang an dabei war, d.h. vom Wettbewerb bis zur Fertigstellung und Einrichtung des Baus, war schon der Entstehungsprozess selbst eine spannende Bereicherung. Das Ergebnis entspricht ganz unserem Wunsch, der Privatsammlung von Udo und Anette Brandhorst, die ja ganz anders konzipiert ist als eine öffentliche Sammlung, von der Anmutung her gerecht zu werden. Dem Büro Sauerbruch Hutton ist dieser Spagat fantastisch gelungen.

Wer braucht wen mehr: Die Kunst das Gebäude als Präsentationsplattform oder das Gebäude die Kunst als Existenzberechtigung?

Das ist eine schon klassische Frage, die für mich eindeutig zu beantworten ist. Die Bauaufgabe Museum ist ohne die Sammlung, die dort gezeigt werden soll, nicht zu denken. D.h. das Gebäude muss auf den Inhalt Rücksicht nehmen. Hier haben wir den besonderen Glücksfall, dass die Architektur auch unabhängig von der Qualität der Sammlung als selbstbewusstes Statement Gültigkeit hat. Es gibt jedoch weltweit viele Beispiele großartiger Architekturen, die als Gehäuse für eine Sammlung völlig überfordert sind. Es sind Eyecatcher, die wie eigenständige Skulpturen oder wie gestrandete Raumschiffe wirken, deren Inneres jedoch damit zwangsläufig nicht korrespondiert, da man, um nur ein Beispiel zu nennen, auf gerundeten Wänden keine Bilder zeigen kann. Hier gilt meines Erachtens immer noch, dass die Form der Funktion folgen sollte. Eine Designsammlung z.B. kann im Innenraum viel unruhiger gestaltet sein, da man oft mit Vitrinen, Regalen und dergleichen arbeitet. Zeigt man jedoch überwiegend Gemälde, muss die Architektur überwiegend auch gerade Wände aufweisen. Mich stört in einem Museumsbau nichts so sehr, wie die Diskrepanz von Innen und Außen, ein Dilemma, das es im Museum Brandhorst zum Glück nicht gibt.

Zu guter Letzt die Frage nach Ihrem persönlichen Lieblingsexponat in der Sammlung Brandhorst...

Das lässt sich schwer beantworten. Ich habe viele Favoriten, aber der Lepanto-Zyklus von Cy Twombly steht in meiner Gunst ganz oben, ebenso der „Pillenschrank" von Damien Hirst.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Maja Mijatovic