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Die Form an sich ist mausetot

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Er gehört zur ersten Instanz zum Thema „Form“ – Professor Dr. Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung in der Münchner Pinakothek der Moderne. Ein Hüter und Sammler prägender Formen des 20. und 21. Jahrhunderts mit Weitblick, der die Bedeutung der Form für die Zukunft neu definiert.

Das Interview führte Nina Shell, Journalistin und Redakteurin bei BE URBAN.

Herr Hufnagl, deutsches Design hat ja einen hervorragenden Ruf. Es gab eine Zeit, da waren klare Linien das Maß aller Dinge, ebenso der Leitspruch „form follows function“… In welche Richtung geht deutsches Design in punkto Form?

Das muss man sehr differenziert betrachten. Die Form als gute Form, allein für sich gesehen ist tot, mausetot. Und zwar schon lange, seit Memphis und Alchimia. Heute wird von einem Produkt mehr verlangt als die bloße Form. Es bleibt das Thema der Benutzbarkeit, aber irrationale Momente treten im Zeitalter einer Überflussgesellschaft natürlich in den Vordergrund, zunehmend können wir eine Emotionalisierung der Dingwelt beobachten.

Jeder hat die Wahl, und zwar weltweite. Natürlich werden Produkte wegen ihrer Form und ihres Designs gekauft. Design ist ein ganz klarer Wettbewerbsvorteil und ein Verkaufsargument. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Gestaltung im Automobilbau. Hier wird vom Käufer der Einsatz von Spitzentechnologie vorausgesetzt – aber die Kaufentscheidung ist letztendlich in hohem Maß eine emotionale. Und da entscheidet letztlich das Design. Niemand fährt gern ein Fahrzeug, das aussieht wie ein hässliches Entlein. Dabei ist der Brand, das Erscheinungsbild der Marke, heute wichtiger als das einzelne Fahrzeug. Emotion und ebenso gestaltete aber unsichtbare Dinge wie die Bedienbarkeit der Steuerelemente und Software rücken immer stärker in den Vordergrund. Die gute Form als solche, über die wir bei einer Kaffeekanne noch diskutierten, ist nicht mehr unser Problem.

Es gibt Beispiele für Design, für neu entwickelte Gegenstände, die gleichzeitig Ausdruck einer ganzen Ära waren oder sind, wie zum Beispiel der Brezelständer von Günter Kupetz in den 50er Jahren. Womit kann man so etwas heute vergleichen, mit dem iPod?

Klar, der Brezelständer ist heute obsolet. Der stand in der Freizeit auf dem Couchtisch, während man sich dem Fernsehgenuss hingab. Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Das Thema der Gestaltung ist interessant und spannend bei neuen Produkten, die auch für eine neue Welt stehen. Es gibt Dinge, wie das Radio, um genau zu sein, das Radioempfangsgerät, das völlig verschwunden ist. Seine Funktion übernehmen heute andere Geräte wie etwa ein MP3-Player. Design ändert sich zwangsläufig mit den Lebensgewohnheiten, mit den Veränderungen innerhalb der Gesellschaft und dem Wechsel in andere Kulturkreise. Darin liegt auch die Begründung, warum Design auch mal im Museum landen kann. Wenn sich unsere kulturellen Gewohnheiten verändern, dann verändert sich natürlich auch das Design. Ganz klar.

Nichtsdestotrotz bleiben, gerade im häuslichen Umfeld, um noch mal auf die Kaffeekanne zurückzukommen, manche Dinge bestehen. Kann man die überhaupt ersetzen?


Aber ja, ganz sicher. Durch eine Espressomaschine zum Beispiel. Selbst beim Tee haben Sie inzwischen ganz andere Gewohnheiten.

Aber selbst Teebeutel werden heute nicht mehr nur klassisch gefaltet angeboten, sondern in speziellen Formen angeboten. Nur der Tee darin bleibt immer gleich…

So ist es. Und die Qual der Wahl wird immer größer. Das Design übernimmt natürlich eine hohe und ganz wichtige Funktion bei den Dingen des alltäglichen Gebrauchs. Das war seit eh und je so, auch als es das Wort Design noch gar nicht gab, und wird auch in Zukunft so bleiben. Nur: Der Wandel war noch nie so schnell und umfassend, wie wir ihn jetzt gerade erleben. Das ist eigentlich das Thema. Design dient immer stärker zur Individualisierung der persönlichen Lebenshaltung oder des persönlichen Lebensgefühls. Das heißt, wenn man sich in einem bestimmten Bereich bewegt, dann identifiziert man sich mit dem Gegenstand und der Haltung, die diese nach außen vermittelt. Ein wunderbares Beispiel: Wir hatten in der Neuen Sammlung vor einiger Zeit Besuch von zwölf Designern aus der ganzen Welt. Dabei gab es drei Uhrentypen, von der Swatch „Jellyfish“ bis zur hochpreisigen Uhr. Jede Uhr war klassisch gestaltet, jede – auch die Swatch - ein Klassiker. Und damit hat natürlich auch jeder ihrer Träger eine bestimmte Haltung nach außen signalisiert. Da bekommt das Thema der Gestaltung eine immer stärkere Bedeutung. Das ist wie beim Computer. Es gibt Apple und es gibt den PC. In der Verwendung des Gerätes drückt sich eine Haltung aus. Das findet auf der emotionalen Ebene statt, schlägt sich aber auch klar nieder in der Gestaltung. Der iPod ist innerhalb kürzester Zeit zur Designikone geworden. Zu Recht, wie ich meine. IBM ist mit den Entwürfen von Richard Sapper und dem klassischen Schwarz, das die HFG Ulm als Beispiel für klassische Erscheinungsbild für eine zeitlose technische Kompetenz entwickelt hat dafür ein frühes Bespiel. Apple hat erkannt, dass die Dinge in einer globalen Welt in ihrer Erscheinung bunt sind und mit der Farbe Weiß reagiert. Das Thema der Globalisierung hat das Design längstens erreicht. Man muss sich trennen von der Fastfoodisierung der Welt mit dem Thema Design aus rein europäischer Sicht. Wenn Design missioniert, ist es nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Die großen Missionierungen haben in den vorangegangenen Jahrhunderten stattgefunden. Heute hat man, Gott sei Dank, die freie Wahl und das Design ist intelligent genug, dieses zu erkennen, zu analysieren und darauf zu reagieren.

Das heißt, man sollte den Dingen schon ansehen, wo sie herkommen?
 
Ja. Niemand wird ein italienisches Produkt kaufen, das zwar aus Italien kommt aber ausschaut wie aus Korea, China oder Japan. Die Authentizität der Stücke bietet ja den eigentlichen Wettbewerbsvorteil. Das deutsche Design tut gut daran, „Made in Germany“ auch visuell darzustellen.

Und woran erkennt man als Laie heute optisch das deutsche Designgedankengut?

Deutsches Design ist immer noch sachlicher, weit weg von asiatischen Lollipop-Strategien. Das ist auch eine Frage des Vertrauens. Jeder zuckt zusammen, wenn ein Inuit - italienische Pizza bäckt. Einem Heringstopf in einem skandinavischen Lokal bringt man dagegen volles Vertrauen entgegen. Darin liegt der Vorteil. Der Kunde will genuine Produkte aus einem bestimmten Bereich. Wenn man nun ein deutsches Produkt haben will, dann muss es auch aus Deutschland kommen und verbunden sein mit dem, was man gemeinhin unter deutschem Design versteht. Das gilt für Italien genauso. Und damit sind wir wieder im emotionalen Bereich.

Wie halten Sie das persönlich, mit all ihrem Hintergrundwissen? Warum haben Sie beispielsweise ein Motorola-Handy?


Weil ich das einfach gut finde. Das Motorola Razr V3 ist das erste Handy, das minimiert hat, wo es nur ging. Auch wenn es ein Beispiel für Globalisierung ist, die einzelnen Produktteile kommen ja aus verschiedenen Ländern…

Motorola ist ja nun auch ein Paradebeispiel für das, was Design bewirken kann. Das Unternehmen war ja schwerst am Boden…


Ja, obwohl sie für eine Unzahl an Entwicklungen auf dem Gebiet der Mobiltelefone standen und stehen.

Über das Design sind wir uns einig. Über die Funktion? Die Menüführung finde ich persönlich schrecklich…

Das ist genau der Punkt. Das ist das, was ich bei den Automobilen mit unsichtbarem Design meinte. Ich habe mich inzwischen an diese Bedienerführung gewöhnt, aber anfangs auch geflucht… Alle anderen Hersteller haben im Übrigen inzwischen mit einer Formgebung nachgezogen, die aufs Höchste reduziert ist. Das ist in ganz wenigen, vielleicht zwei oder drei Jahren passiert. Das Vorbild ist hier auch ein koreanisches Unternehmen – LG mit dem Chocolate. Ich habe rund 1000 Handys hier in der Sammlung – das macht mir große Freude und ist sehr spannend, weil man da genau sehen kann, was woher abgeleitet ist. Das ist aber auch nichts Neues, das ist bei Kunst und Kultur immer geschehen – es wurden Anregungen von Außen geholt.

Die Technik ist ja in vielen Geräten fast die Gleiche. Was macht den Unterschied? Bedienbarkeit und Form?


Sicher, wobei die Bedienbarkeit eher zum Bereich der Zweidimensionalität gehört. Unsere Sehgewohnheiten haben sich verändert. Wir schauen jetzt 50 Jahre lang in den Fernseher, in unserer Arbeitswelt vielleicht seit 20 Jahren auf einen Monitor. Das heißt, das Imago, das Bild vom dreidimensionalen skulpturhaften Gegenstand in der zweidimensionalen Darstellung wird immer wichtiger. Zugleich bedeutet dies aber auch, dass es zum Verlust der Dreidimensionalität kommt und damit letztendlich auch zum Verlust der Form. Das heißt, wenn man die Skulptur, die dreidimensionale Form, nicht emotional auflädt, verliert sie an Aufmerksamkeit, weil sie in der Zweidimensionalität nochmals zurückgenommen ist.

Das gilt sicher für technische Geräte. Form spielt in vielen Bereichen aber nach wie vor die Hauptrolle. Ein Möbel ist nach wie vor zum Sitzen da. Was ist mit all den Produkten, die nur eine bestimmte Funktion erfüllen müssen? Wohin geht da die Reise?


Ich glaube, dass das Design in Richtung customer oriented design geht. Das heißt, dass der Kunde ein individuelles Objekt besitzen will. Und die Diversifizierung ein und desselben Objekts oder Geräts ist eine Möglichkeit, die auch unsere Fertigung in der Zukunft bietet, so dass man ein in Serie gefertigtes, aber dennoch individualisiertes Produkt erwerben kann.

So wie es jetzt zum Beispiel bei adidas schon gemacht wird?

Ja. Man hat zwar ein Grundmodell, aber die Optik kann man nach eigenen Vorstellungen gestalten. Kein Baukastendesign. Baukasten bedeutet ja, aus vorhandenen Stücken etwas gleiches, aber nur in Varianten zu schaffen. Nein, das geht schon einen Schritt weiter. Man hat einen Rahmen und kann über den Computer eine individuelle Form entwickeln. Und in dem Moment, wo die Produktion online verbunden ist, ist es auch kein Problem mehr, das Produkt zu takten. Das heißt, es kann eine Individualisierung geben im Bereich der Massen- oder Serienfertigung. Weil es ja nur eines Klicks bedarf. Das ist ein Thema in der Zukunft. Wohl nicht in allen Bereichen, aber im Hochpreissegment auf jeden Fall…

Herr Hufnagl, wie kaufen Sie denn ein, wenn Sie etwas für sich selbst brauchen? Nach formalen Kriterien, nach Bauchgefühl?

Da verlasse ich mich bis zu einem bestimmten Punkt auf mein Bauchgefühl. Ich bin ja verwöhnt, ich darf sammeln und muss nicht besitzen. Das heißt aber auch für mich persönlich, dass ich mit den Objekten lebe. Für mich bedeutet die Wahl eines Produkts schon: Will ich mit dem Ding leben?

Haben manche Dinge auch Verfallsdaten bzw. Dinge, die in Ihren Augen so perfekt sind, dass man sich über lange Zeit damit umgeben mag?


Ja, Verfallsdaten gibt’s natürlich. Aber da muss ich unterscheiden zwischen Hightech und Lowtech. Ein Low- oder Notechprodukt kann ich natürlich viel länger besitzen als ein Hightech-Produkt, das ich nach Ablauf seiner technischen Laufzeit aussondere. Das heißt, ich umgebe mich sehr stark mit emotionalisierten Dingen, die individualisiert sind und die ich in der Tat jeden Tag anschauen mag.

Wie weit geht das? Achten Sie auch bei profanen Dingen wie Shampoo-Flaschen darauf, wie sie gestaltet sind?

Ja klar, wenn die Shampoo-Flasche offen in meinem Bad steht… das kann auch die Klobürste sein. Design ist unabhängig vom Preis. Eine Brille wählt man doch auch nach dem Design aus und nicht nach den Dioptrienzahlen.

Wie wichtig ist, um beim Beispiel Shampoo-Flasche zu bleiben, im das Verhältnis Inhalt zu Verpackung?


Ich will mir kein Produkt hinstellen, das nichts taugt. Beim Shampoo geht es ja noch weiter. Wenn die Verpackung zwar stimmt, ich den Geruch aber nicht aushalte… Der erste Griff geht zu Produkten, die mir von der Aufmachung her gefallen. Wie bei der Mode, die uns ja allen allein körperlich sehr nah ist.

Kann man denn Mode mit ihrer kurzen Laufzeit mit Produktdesign vergleichen?

Nein, das funktioniert sicher nicht. Aber es gibt Hinweise, in welche Bereiche hinein Design sozusagen sensibler wird. Und sensibler werden muss, wenn es denn noch Absatzmärkte zu entdecken gibt. Ein Aschenbecher wie meiner hier von Jacob Jensen, der ist seit 40 Jahren unverändert und eine Veränderung ist auch nicht notwendig. Er erfüllt seine Funktion, ist in der Form passabel und auch nachhaltig, weil er praktisch nicht kaputt gehen kann.

Da gibt es einige Beispiele, wie zum Beispiel auch die Wagenfeld-Lampe, die einfach durchgängig gleich geblieben ist…

Ja, aber sie ist kein Zeichen mehr für das Hier und Heute. Sie ist noch ein Zeichen für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir haben heute Licht, wo man den Lichtträger nicht mehr unbedingt sehen muss.

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