Baukultur und Bewusstheit
by Regine Geibel
2004-2026 22

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Projektstand Seegut am Tegernsee

Neues Quartier am Ufer: Das „Seegut“ nimmt Form an

In Bad Wiessee entsteht auf dem rund 38.000 Quadratmeter großen Areal des ehemaligen Hotels Lederer eines der derzeit ambitioniertesten Architektur- und Tourismusprojekte im Voralpenraum: das „Seegut am Tegernsee“. Wo früher ein in die Jahre gekommener traditioneller Hotelbau stand, wächst nun eine feingliedrige, ortsbezogene Dorfstruktur heran, die luxuriösen Aufenthalt mit öffentlicher Zugänglichkeit und nachhaltiger Holz- und Holzhybridbauweise vereint.

Architektur in Dorfstruktur: Die Typologie des Lokalen

Anstatt eines kompakten-massiven Einzelgeebäudes setzt das Entwurfskonzept auf eine kleinteilige Reinterpretierung der regionalen Bautradition. Rund 25 Einzelgebäude fügen sich in die Landschaft am Ufer gleich neben dem Kurpark ein. Das Gesamtensemble vereint ein Premium-Hotel (geführt unter der Marke The Luxury Collection von Marriott mit rund 119 Zimmern, Suiten und Villen, Spa-, Wellness- und Gesundheitsbereich) sowie drei Wohngebäuden zur Vermietung (insgesamt 34 Einheiten).

Besonders prägend für das Vorhaben ist die bewusste Öffnung des Areals für die Bürger:

  • Öffentliche Durchwegung: Eine seebegleitende Promenadenführung verbindet den Ort wieder direkt mit dem Seeufer.
  • Treffpunkt für locals und Gäste: Ein klassisches Wirtshaus mit Biergarten, eine rund 400 m² große Kulturscheune für Veranstaltungen und Ausstellungen, ein Tagescafé sowie ein Dorfladen sollen Begegnungsräume für Touristen und locals schaffen.
  • Ruhiges Freiraumkonzept: Sämtliche Versorgungswege und PKW-Stellplätze werden unterirdisch geführt, sodass oberirdisch ein autofreies Ensemble entsteht.

Nachhaltigkeit und ökologische Bauweise

Das Gestaltungs- und Konstruktionskonzept beruht maßgeblich auf einer ökologischen Holzbauweise. Auch das Energiekonzept setzt Maßstäbe: Der gesamte Wärme- und Kältebedarf der Gebäude soll über eine innovative thermische Seewassernutzung (Seethermie) in Kombination mit flächendeckenden Photovoltaikanlagen gedeckt werden.

Hochkarätige Planer-Kooperation: Welches Büro macht was?

Das Projekt zeichnet sich durch ein vielschichtiges Zusammenspiel renommierter Planungsbüros aus Deutschland und Österreich aus:

  • Architektur-Arbeitsgemeinschaft (Entwurf & Typologie):
    • Maier Neuberger Architekten (München)
    • Dietrich | Untertrifaller ZT GmbH (Bregenz)
    • Innauer-Matt Architekten ZT GmbH (Bezau)

  • Freiraum & Landschaftsarchitektur: Enea LandArt LLC (Rapperswil-Jona) und Stephan Huber Landschaftsarchitektur (München)

  • Projektsteuerung: MasterPlan Bau- und Projektmanagement GmbH & Co. KG (München)

  • Tragwerksplanung: Sailer Stepan Tragwerkteam München GmbH (München)

Das Investment: Hintergründe zum Strüngmann-Engagement

Hinter dem mit rund 200 Millionen Euro dotierten Projekt steht die Investmentgesellschaft Athos der bekannten Münchner Unternehmer-Zwillinge Andreas und Thomas Strüngmann, von denen einer (auch) in Bad Wiessee wohnt. Bekannt wurden die Brüder einst als Gründer des Arzneimittelherstellers Hexal sowie als Frühinvestoren von BioNTech.

Mit ihrem Engagement am Tegernsee setzen die Strüngmanns auf eine langfristige Projektentwicklung in der Region, die hohe gestalterische Maßstäbe anstrebt und traditionelle Baukultur mit zeitgemäßem Komfort verbindet.

Städtebaulicher Impuls oder Überforderung? Lokale Kontroversen im Blick

So sehr die architektonische Haltung und die nachhaltige Bauweise gelobt werden, so intensiv wird das Großprojekt in der Region und in der Politik auch diskutiert:

  • Masse und „Luxurisierung“: Obwohl das Areal in 25 Einzelgebäude gegliedert ist, bemängeln Kritiker die schiere Baumasse von über 20.000 m² Geschossfläche. Zudem wird wie bei vielen Tegernseer Projekten debattiert, ob der Fokus auf das Fünf-Sterne-Luxussegment die Entfremdung der Heimat weiter beschleunigt.
  • Skepsis bei der Seethermie: Das ökologisch gedachte Energiekonzept der Wärmegewinnung aus dem Tegernsee stieß im Gemeinderat und bei Umweltverbänden im Vorfeld nicht nur auf ungeteilte Begeisterung. Debattiert wurden thermische Auswirkungen auf das Ökosystem sowie Kapazitätsfragen.
  • Verkehrsaufkommen: Anwohner befürchten trotz Tiefgarage eine zusätzliche Verkehrsbelastung auf den Zufahrtsstraßen durch den An- und Abreiseverkehr von Hotelgästen, Lieferanten und Veranstaltungsbesuchern.

In unserer Fotogalerie zeigen wir aktuelle Einblicke vom Baufortschritt vor Ort in Bad Wiessee sowie den Stand von Dezember 2025.

Alle Fotos © Regine Geibel
27.08.2026