Baukultur und Bewusstheit
by Regine Geibel
2004-2026 22

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Eindrücke Eröffnung Deutscher Pavillon

Wir waren heute für euch in Venedig und haben Eindrücke von der Eröffnung des Deutschen Pavillons im Rahmen der Kunst-Biennale, La Biennale di Venezia, gesammelt. Here we go...

Deutscher Pavillon der Biennale Venedig 2026: „Ruin" von Henrike Naumann und Sung Tieu

Der Deutsche Pavillon auf der 61. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia präsentiert mit „Ruin" eine Ausstellung der Künstlerinnen Henrike Naumann und Sung Tieu. Kuratiert wird der deutsche Beitrag von Kathleen Reinhardt. Verantwortlich für den Deutschen Pavillon ist das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen als Kommissarinstitution.

Mit „Ruin" verwandelt sich der Deutsche Pavillon in einen vielschichtigen Erfahrungsraum, in dem Architektur, Erinnerungspolitik und gesellschaftliche Machtstrukturen aufeinandertreffen. Die Ausstellung untersucht, wie sich deutsche Geschichte, politische Ideologien und persönliche Biografien in Räumen einschreiben – materiell, emotional und historisch.

Der Begriff „Ruin" steht dabei nicht nur für den Verfall architektonischer Strukturen, sondern auch für politische, soziale und moralische Brüche. Ausgangspunkt sind Orte ostdeutscher Geschichte: der verschwundene DDR-Pavillon, der zerstörte Palast der Republik oder das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, Schauplatz des rassistischen Pogroms von 1992 gegen Asylsuchende und migrantische Gemeinschaften. Diese historischen Leerstellen werden in der Ausstellung zu künstlerischen Projektionsflächen für neue Formen des Erinnerns und Widerstands.


Sung Tieu: Architektur, Erinnerung und Unsichtbarkeit

Sung Tieu gestaltet die Fassade des Deutschen Pavillons mit einem monumentalen Trompe-l'œil-Mosaik neu. Über drei Millionen Marmorsteine rekonstruieren die Oberfläche eines Plattenbaukomplexes in der Berliner Gehrenseestraße – einst Wohnort der Künstlerin und eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeiter:innen in der DDR.

Nach der Wiedervereinigung wurde der Gebäudekomplex von migrantischen Communities weiter genutzt, später zum Objekt spekulativer Immobilienentwicklung und wird heute schrittweise abgerissen. Zwischen Illusion und Realität verknüpft Tieu persönliche Erinnerung mit Fragen nach Zugehörigkeit, staatlicher Kontrolle und historischer Sichtbarkeit.

Der Titel der Arbeit, „Human Dignity Shall Be Inviolable", verweist auf Artikel 1 des Grundgesetzes. In direkter Konfrontation mit der nationalsozialistisch geprägten Architektur des Pavillons entsteht ein Spannungsfeld zwischen autoritärer Repräsentation und sozialistischem Wohnungsbau. Tieu macht dabei Kontinuitäten von Überwachung, Marginalisierung und administrativer Kontrolle sichtbar, die politische Systeme überdauern. In den Seitenflügeln des Pavillons erweitert die Künstlerin ihre Auseinandersetzung durch Werkgruppen, die ihrer Mutter gewidmet sind. Deren Arbeits- und Lebenserfahrungen werden als Teil gesellschaftlicher Systeme lesbar, die Körper normieren und regulieren.


Henrike Naumann: Deutsche Geschichte als Innenraum

Henrike Naumann verbindet in ihrer Installation Innenarchitektur, Designgeschichte und politische Analyse. Ihre immersive Rauminstallation aus Readymades und Möbelobjekten untersucht die Beziehung zwischen Alltagsästhetik, Ideologie und gesellschaftlicher Polarisierung. Im Zentrum steht eine „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart", in der Ostdeutschland als innere gesellschaftliche Grenze sichtbar bleibt. Historische Materialien und Wohnobjekte werden dabei zu Spuren einer Vergangenheit, die bis in aktuelle politische Entwicklungen hineinwirkt.
Die Installation arbeitet mit mintgrünen Wandflächen, die an ehemalige sowjetische Kasernen in der DDR erinnern. Ein Relief aus Stühlen erzählt die deutsche Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, während textile Vorhanginstallationen das Spannungsfeld zwischen Heimeligkeit, Angst und gesellschaftlicher Abschottung thematisieren.

Besonders prägnant ist ein zentraler Vorhang aus Kettenhemden, der auf die geopolitischen Verschiebungen nach dem Ende des Kalten Krieges verweist – und auf die gegenwärtige Rückkehr militärischer Konflikte in Europa.


Kunst als Widerstand im Deutschen Pavillon

Gemeinsam transformieren Henrike Naumann und Sung Tieu den Deutschen Pavillon in einen Ort kritischer Reflexion über Erinnerung, Macht und gesellschaftliche Gewalt. „Ruin" versteht Zerstörung nicht als abgeschlossenen Zustand, sondern als fortlaufenden Prozess – politisch, sozial und kulturell.

Die Ausstellung macht sichtbar, wie historische Narrative entstehen, verdrängt oder neu geschrieben werden. Damit zählt „Ruin" zu den politisch relevanten Beiträgen der La Biennale di Venezia und setzt ein starkes Zeichen für zeitgenössische deutsche Kunst im internationalen Kontext.

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Alle Fotos © MHW für M_Arch