Mit den großartigen Arbeiten der Düsseldorfer Nachkriegskünstler der ZERO-Gruppe ist Michael Beck erneut eine kleine Sensation für das Tegernseer Museum gelungen. Mal wieder waren es die freundschaftlichen Beziehungen zu Künstlern und Sammlern, die dies ermöglichten...
Ein vom 94-jährigen Heinz Mack eigens für die Ausstellung gestalter Raum
Zero-Mitgründer Mack, der am 8. März seinen 95. Geburtstag feiert und zur Vernissage am Wochenende angereist war, hat einen eigenen Raum für und mit seinen Werken eingerichtet – darunter ältere kinetische Arbeiten und zwei quadratische Metall-Reliefs, die er letztes Jahr nur für die Ausstellung schuf. Zu verdanken sei dies der langjährigen Freundschaft Becks zur Familie Mack. Beck erzählt mir, dass er für diesen Raum ursprünglich die bestehende Arbeit „Technisches Ballett“ vorgeschlagen hatte, als Mack daraufhin sagte er mache dafür lieber etwas Neues. Das war eine hervorragende Idee, denn dieser sogenannte Lichtraum, für den das Oberlicht des Museums-Raumes abgedunkelt wurde, ist an (strenger) Poesie nicht zu übertreffen.
Wir beginnen den Rundgang bei der Arbeit „Lichtgitter im Raum“ von 1961, bestehend aus 18 verchromten Messingstäben, die in sich verdreht sind. Als Michael Beck für uns beginnt, mit offen gehaltenem Blazer, im Kreis um die hängenden Stäbe herumzulaufen, setzen sich diese in leichte Bewegung. Was sich dann ergibt ist eine subtile optische Verwirrung, denn manche hüpfen, andere drehen sich links herum, andere rechts herum… Kindlich-freudiges Staunen erfasst mich und es fällt mir schwer mich zu trennen, aber es gibt noch so viel zu sehen. Die zwei neuen Werke, sind zwei große quadratische Wandarbeiten, die streng geometrisch mit Anordnung und Reflexion spielen.
Zero – bei Null anfangen
Wenn man sich vor Augen führt wie alt diese ungeheuer modern wirkenden Arbeiten sind und aus welcher Zeit sie stammen, kann man nicht genug staunen. Was noch heute rebellisch und radikal klingt, war es erst recht, als die Künstlergruppe Zero sich 1957 begann zu konstellieren: Die Gründungsmitglieder Mack, Otto Piene und Günther Uecker wollten alte Zöpfe abschneiden und bei Null anfangen. An Gebäuden wurde der Stuck abgeschlagen, in der Kunst hörte man auf Stillleben oder Landschaften in Öl zu malen... Wir stehen nun vor einem gelungenen Schaubild mit Erläuterungen und chronologischen Fotos von den Treffen der Künstler: „Die Kunst“, sagt Beck „hat sich damals genauso befreit wie die Wirtschaft. Sie schufen eine komplett neue Kunst, die keine Geschichten erzählt, „sondern neutral einfach existiert“. Gemalt wurde kaum noch, sondern mit neuen Materialien, wie Metall, Feuer, Plexiglas oder Perlon experimentiert.
Alles begann mit selbst organisierten Ausstellungen
Mit den sog. Abendausstellungen, erzählt mir Beck, zu denen Mack und Piene, abwechselnd ihre Arbeiten in das Atelier des anderen räumten und für einen Abend Gast-Künstler ausstellten, folgte der „Nagel-Künstler“ Uecker und noch viele weitere, unter anderen Yves Klein, dem Ruf des ZERO; jedoch nicht in einem strengen Verbund mit Manifest, sondern in lockerer Verbindung.
Die Frauen bei ZERO
Die Japanerin YaYoi Kusama, die heute wohl berühmteste Künstlerin der ZERO-Bewegung, die man spätestens durch die dot-Überarbeitungen der Taschen der Marke Louis Vuitton kennt, war eine von vier Frauen. Die drei anderen werden ebenfalls gezeigt: Nando Vigo, die mit Glas und Neonröhren arbeitet, oder die Italienerin mit Künstlername Dadamaino, die den Raum mit Löchern erweitert. Die weniger bekannte Hal Busso hat eins der wenigen Werke mit Farbe geschaffen. In Tegernsee sind nun alle bedeutenden Vertreter der ZERO-Künstlerbewegung zu sehen.
ZERO – Neubeginn bei Null
In den späten 1950er-Jahren suchten junge Künstler in Düsseldorf und anderen europäischen Städten nach einem radikalen Neubeginn der Kunst. Nach Krieg und Diktatur wollten sie sich von Pathos, Ideologie und der subjektiv aufgeladenen Nachkriegsmalerei lösen und Kunst „bei null“, bei „zero“, neu denken.
Schwerpunkte
Die Ausstellung zeigt, wie ZERO aus Düsseldorf heraus ein internationales Netzwerk formte – mit Verbindungen u.a. zu Italien, Frankreich und Belgien. Ein besonderer Fokus liegt auf den Licht- und Aluminiumarbeiten von Heinz Mack, in denen serielle Strukturen, reflektierende Oberflächen und „virtuelle Bewegung“ das Licht selbst zum eigentlichen Material machen. Arbeiten von Otto Piene und Günther Uecker, aber auch von Künstlerinnen wie Hal Busse, Dadamaino, Yayoi Kusama und Nanda Vigo verdeutlichen die Vielfalt von ZERO. Es gibt es viel zu entdecken von Rauch- und Feuerbildern über Nagelreliefs bis zu Spiegel- und Raumobjekten.
Bedeutung
Die ZERO-Bewegung löste sich 1966 auf, gilt heute jedoch als eine der wichtigsten Strömungen der internationalen Nachkriegskunst und als Wegbereiterin von Lichtkunst, Kinetik und raumbezogenen Installationen.
Die teils fragilen Werke stammen aus dem Rheinland und der ganzen Welt und mal wieder hauptsächlich aus Privatbesitz (80%) und aus der ZERO- und der Mack-Foundation. Er sei sehr froh, dass er diese Ausstellung hier zeigen könne, denn im süddeutschen Raum sei diese Kunst noch nicht zu sehen gewesen.
Für mich fühlte sich der Besuch wie ein Heimkommen an, denn durch die Freundschaft meiner Eltern mit einigen der Zero-Künstler und der kleinen wilden Künstler-Szene des Nachkriegs-Düsseldorfs bin ich mit den Arbeiten seit meiner Kindheit vertraut. Zudem gibt es im Rheinland einige Mack-Stelen im öffentlichen Raum.
Gut zu wissen: Warum ZERO bis heute nachleuchtet
1966 löste sich das ZERO-Netzwerk offiziell auf, doch die Ideen der Bewegung wirkten weit über diese Dekade hinaus. In den 1960er-Jahren wurde ZERO – insbesondere in den USA – als erste deutsche Nachkriegsbewegung von internationalem Rang nach „Brücke“ und „Bauhaus“ wahrgenommen. Heute gilt ZERO als Schlüsselbewegung für die Entwicklung von Lichtkunst, Kinetik, Minimalismus, Konzeptkunst und raumbezogenen Installationen. Große Retrospektiven im Guggenheim Museum New York, im Stedelijk Museum Amsterdam und im Gropius Bau Berlin haben in den letzten Jahren die internationale Bedeutung von ZERO erneut unterstrichen. Die Ausstellung im Olaf Gulbransson Museum knüpft daran an und stellt ZERO in einen aktuellen Kontext als Bewegung, die unser Verständnis von Wahrnehmung, Material und Raum nachhaltig geprägt hat.
Alle Künstler in der Ausstellung
Bernard Aubertin, Hans Bischoffshausen, Alberto Burri, Hal Busse, Dadamaino (Eduarda Maino), Lucio Fontana, Gotthard Graubner, Oskar Holweck, Yves Klein, Yayoi Kusama Adolf Luther, Heinz Mack, Piero Manzoni, Christian Megert, Otto Piene, Uli Pohl Günther Uecker, Jef Verheyen, Nanda Vigo.
Die Ausstellung „Zero – eine internationale Künstlerbewegung 1957 -1966“ ist vom 1. März bis 6. September 2026 zu sehen – außer montags täglich von 10 bis 17 Uhr
Empfehlenswert: Der Katalog
Die Olaf Gulbransson Gesellschaft bietet wieder einen Katalog (Hardcover) mit vielen Abbildungen zur Ausstellung „ZERO. Eine internationale Künstlerbewegung 1957-1966“ an.150 Seiten, 27 Euro.
Veranstaltungen
In der Reihe Tegernseer Gespräche empfängt Michael Beck Gäste zu unterschiedlichen Themen.
24. April 2026, 18.30 Uhr
Die Kunst in Zeiten der Künstlichen Intelligenz
Zu Gast sind Anton Biebl, Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Karl-Heinz Land, Digitalexperte und Zukunftsdenker und Prof. Dr. Wolfgang Martin Heckl, Physiker, Maler und Autodidakt. Dieser war Generaldirektor des Deutschen Museums und leitet den Oskar- von-Miller-Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation an der TU München. Angefragt ist auch der Digitalkünstler Mischa Kuball.
05. Juni 2026, 18.30 Uhr
Macht Sammeln glücklich?
Michael Beck lädt Leihgeber und Leihgeberinnen der ZERO-Ausstellung zum Gespräch ein und befragt sie zu ihrem Sammlungsglück
Im Sommer 2026, 18.30 Uhr
Mode und die Zero-Bewegung
Zu Gast ist Barbara Vinken, die zeigt, dass Kunst und Mode unter einer Decke stecken. Sie nimmt Modekreationen von Lucio Fontana und Yves Klein bis hin zum „Zero-Kleid“ in den Fokus. Barbara Vinken ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin, die seit 2004 an der Ludwig-Maximilians-Universität München lehrt. Angefragt ist Monika Gottlieb, eine Düsseldorfer Modesammlerin und Expertin für Couture-Mode der 1950er bis 1970er Jahre.
Kino am Tegernsee
„Stunde Null. Die Kunstbewegung ZERO“
Die Olaf Gulbransson Gesellschaft lädt zum Kinoabend. Die arte-Dokumentation von Anna Pflüger und Marcel Kolvenbach erzählt die Geschichte der von Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker geprägten Kunstbewegung ZERO, die nach dem Zweiten Weltkrieg einen radikalen künstlerischen Neubeginn mit Licht, Bewegung und neuen Materialien suchte. Zugleich begleitet der Film aus dem Jahr 2015 u. a. Otto Piene bis zu seinen späten „Sky Art“- Projekten und zeigt, wie der Geist von ZERO in der Gegenwartskunst fortlebt.
Das Programm ist vorläufig. Bitte überprüfen Sie Themen und Termine auf der Website:
www.olaf-gulbransson-museum.de
Führungen
Freitags, von 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr, finden offene Führungen statt, zu denen sich Interessierte anmelden können. Führung inklusive Eintritt kosten pauschal 25 Euro. Anmeldung unter info.ogm@pinakothek.de oder 08022-3338.