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Jahrhundertkünstler

Porträt Joseph Beuys. Foto: Erich Puls | Klaus Lamberty Porträt Joseph Beuys. Foto: Erich Puls | Klaus Lamberty

Zehn Objekte von Joseph Beuys, sogenannte Multiples, verlassen anlässlich seines 100-Jahre-Jubiläums die Pinakothek der Moderne und setzen an unterschiedlichen Orten in München neue Impulse. Hier können Sie in Kontakt treten mit seinen Werken...

1970 verglich Joseph Beuys das Schaffen und Verteilen von Auflageobjekten mit dem Setzen von Antennen, die vielerorts Querverbindungen zu seinem umfangreichen Werk schaffen. Mit der Entscheidung, Editionen herauszugeben, bezweckte Beuys, dass die Multiples über Museumsräume hinaus und mitten in Lebensbereiche hineinwirken. Damit trugen die Multiples maßgeblich dazu bei, die Trennlinie zwischen Kunst und Alltag aufzuheben. Als Objekte verkörpern sie zentrale Gedanken von Beuys zur Aktivierung jeder und jedes Einzelnen, mit dem Ziel einer gerechteren und kreativ freien Gesellschaft.

Auf diesen Anspruch beruft sich das Ausstellungskonzept Ich strahle aus. 100 Jahre Joseph Beuys und stellt die Wirkkraft der Multiples im Heute auf die Probe. Das Zitat von Joseph Beuys „Ich strahle aus" wird dabei buchstäblich umgesetzt: Die Multiples verteilen sich in München an sieben Orten, wo sie nicht nur ein Kunstpublikum erreichen, sondern auch durch zufällige Begegnungen entdeckt werden können.

Im neuen Kontext spielen die Architektur und der symbolische Gehalt der jeweiligen Schauplätze in die Interpretation der Multiples genauso hinein, wie die individuellen Assoziationen, die Besucherinnen und Besucher mitbringen. Objekte und Orte vereinen sich zu neuen Gedankenräumen und erweitern tradierte, kunsthistorische Deutungsebenen um aktuelle Fragestellungen.

Die Kooperationsorte spiegeln dabei unterschiedliche Lebensbereiche der Gesellschaft im 21. Jahrhundert, wobei die konzentrierte Auswahl zwar ein gewisses Spektrum der Öffentlichkeit abdeckt, aber nicht streng repräsentativ zu verstehen ist. Es geht um Berührungspunkte mit einer globalisierten, multikulturellen und differenziert denkenden Gemeinschaft, die auch anderswo präsent ist.

Die Multiples von Joseph Beuys sind vom 25. Juni bis 10. Oktober 2021 an folgenden Orten in München neu erfahrbar:

  • Center for Advanced Studies der LMU
  • gate - Garchinger Technologie- und Gründerzentrum
  • Haus der Kulturen und Religionen
  • Munich Re
  • Stiftung Kick ins Leben
  • Theatiner Filmtheater
  • Weiße Rose Saal im Justizpalast

Die Gegenüberstellung der Multiples mit den spezifischen Inhalten und Historien der ausgewählten Orte deckt auch Spannungsverhältnisse auf, die gleichermaßen Teil unserer komplexen Gesellschaftsstrukturen sind und im Sinne von Beuys einer stetigen Auseinandersetzung bedürfen.

So verweist beispielsweise das Multiple Objekt zum Schmieren und Drehen explizit auf Reibungspunkte und den aufzubringenden Kraftakt, welcher der Entstehung eines neuen, noch nie dagewesenen Ortes – dem Haus der Kulturen und Religionen, innewohnt.

Auch das Multiple Schweigen bringt vielschichtige Assoziationen im Kontext seines neuen Ambientes, dem Theatiner Filmtheater, hervor: Ging es bei dem Objekt ursprünglich um die Zensur künstlerischer Freiheiten, so lässt es sich aktuell mit der Situation der Kunst- und Kulturlandschaft verbinden, um die es durch die Pandemie still geworden ist.