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Störfaktor Bewohner?

© Jan Kolar / Unsplash © Jan Kolar / Unsplash
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Klimawandel und Digitalisierung – das Bauen und damit die Stadt wird sich ändern. Wie dies gelingen kann, ohne die Bewohner zu überfordern, diskutierten Experten auf dem Symposium Robust bauen – Illusion oder Notwendigkeit?

Seit Jahrzehnten werden Gebäude immer komplexer. Die Anforderungen an Wärme-, Feuchte-, Brand- und Schallschutz haben sich erhöht, es gibt heute spezialisierte Verbundmaterialien, vernetzte Gebäudetechnik und dazu eine kaum überblickbare und weiter steigenden Zahl an Normen und Baugesetzen. Werden die Gebäude dadurch besser? Nicht unbedingt. Häufig erhöht sich aber die Fehlerquote in Planung und Ausführung und Bauherren und Nutzer sind überfordert.

Um die Problematik zu veranschaulichen, zeigt Prof. Gerhard Hausladen zwei Bilder von Armaturenbrettern des Fiat 500 auf der Medienwand im Oskar von Miller Forum: Eines von einem Modell aus den 1950er Jahren – Steuerrad, Blinker, Scheibenwischer, Tacho – und ein modernes mit vielen Knöpfen auf dem Board und am Lenkrad. „Und, hat sich die Unfallquote maßstäblich verringert?", fragt er ins Publikum. Hat sie nicht. „Damals fuhren die Leute vielleicht öfter betrunken, heute sind sie durch zu viele Bedienelemente verwirrt und abgelenkt."

Übertragen auf das Bauwesen hieße das: Der schlimmste Störfaktor für ein Gebäude ist der Bewohner.

Ob das so sein muss und wie es besser geht wurde auf dem Symposium des aktivplus e.V. Robust bauen – Illusion oder Notwendigkeit? in Kurzvorträgen von verschiedenen Seiten beleuchtet und anschließend diskutiert – kurzweilig moderiert von Bauwelt-Chefredakteur Boris Schade-Bünsow.

So ließ Jürgen Bartenschlag das Publikum an den Erfahrungen des Architekturbüros Sauerbruch Hutton teilnehmen. Er verriet, dass das ausgeklügelte Lüftungssystem des GSW Headquarter (heute: Rocket-Tower) in Berlin – 1995 ein iconic landmark – jahrelang nicht richtig funktionierte, weil der Hausmeister keine Schulung erhalten hatte. Stattdessen wurde auf das Back-up-System einer konventionellen Lüftung umgeschaltet. „Wir wussten davon nichts, da das Gebäude nach Fertigstellung an den Bauherrn übergeben wurde und wir keinen Zugriff mehr darauf hatten", legte Bartenschlag einen der immer wiederkehrenden Knackpunkte dar.

Jetzt experimentiert Sauerbruch Hutton u.a. mit einem Bürogebäude, in dem die Nutzer die Fenster von Hand aufmachen müssen, um das Klima und die Temperatur zu regeln, nach dem Motto: Brauchen wir denn immer den Idealkomfort?

Damit bewegte sich die Diskussion in eine Richtung, die auch Tilmann Jarmer von der TU München (www.einfach-bauen.net) und Markus Krauss von Transsolar propagieren: mehr Low-Tech, das Verhalten der Nutzer in die Technikkonzepte miteinbeziehen, ein vernünftiger Verglasungsanteil, Ressourcen sinnvoll einsetzen - also zum Beispiel lokale Klima-Potenziale und langlebige Baustoffe mit einem geringen Gehalt an grauer Energie nutzen.

Einen interessanten Denkanstoß gab Dr. med. Walter Hugentobler dem Publikum mit auf den Weg: Man solle Gebäude als Ökosystem für Menschen und Mikroben planen. Unsere modernen, luftdichten Gebäude mit ihrer häufig sehr trockenen Luft seien Mikroben-feindlich – und das sei ungesund. Dazu komme: „Auf unseren modernen, glatten, super-sauberen, polymeren Oberflächen können fast nur resistente Mikroben überleben, und die sind häufig verantwortlich für Infektionen." Als Rezept für ein Mikroklima, das einem diverseren – gesünderen – Mikrobiom bekommt, plädiert er für eine Rückkehr zu offenporigen Naturmaterialien wie Holz oder Naturstein.

Dietmar Geiselmann von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) schlug vor, individuelle Nutzungsprofile für einen angemessenen Komfort je nach Projekt zu erstellen. Das Problem: Damit Architekten gezielt planen können, müssten Bauträger vorher festlegen, welche Nutzer sie in ihrem Projekt haben möchten. In der Realität bleibt diese Frage häufig offen. Vorteil für den Bauträger wäre aber die Möglichkeit einer gezielten Vermarktung bei geringeren Betriebskosten aufgrund der gezielten Planung. Also durchaus eine Überlegung wert.

Ein weiteres Themenfeld war das der Normen und Bauvorschriften. Warum diese nicht einfach so zu reduzieren seien, legte der ehemalige Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Rainer Bomba dar.

Stefan Schütz von Gerkan, Marg + Partner Architekten (gmp) stellte die Frage, wie robust ein Interimsbau sein dürfe – und rückte dafür die Effizienz der Bauprozesse in den Vordergrund, sie in die Fabrik zu verlagern, einfache, modulare Systeme in Vorfertigung. Ein gutes Beispiel wie dies in der Realität umgesetzt werden könnte, gab Elisabeth Endres vom Ingenieurbüro Hausladen anhand der Gasteig Interimsphilharmonie in Sendling. Das Büro gmp International entwirft den temporären Konzertsaal auf dem SWM-Gelände an der Hans-Preißinger-Straßeund plant den Umbau der vorhandenen, denkmalgeschützten Trafohalle in Zusammenarbeit mit IB Hausladen.

Das Fazit des Symposiums: Die übersteuerten Gebäude kommen selten in den idealen Betriebszustand. Wir müssen Häuser so bauen, dass sie intuitiv zu nutzen sind.

Oder wie es Prof. Hausladen formuliert: „Der Mensch versteht einen Wasserhahn und einen Lichtschalter, aber ich behaupte, er ist schon mit einem Thermostaten überfordert."

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