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Angst-Räume – Architektur in Zeiten der Unsicherheit

Pixabay.com © Bru-nO Pixabay.com © Bru-nO
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Zwischen menschlicher Wahrnehmung und Realität klaffen oft breite Lücken. Das aktuell breitgesellschaftlichste Beispiel: Einbrüche.

Die Realität sieht so aus, dass in Deutschland die Zahl von Einbrüchen in 2018 um 16,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr sank. Sie setzt damit einen Trend fort, der schon 2016 begann. Von einem damaligen Höchstwert von 167.136 Einbrüchen und Einbruchsversuchen sind heute noch 97.504 übrig. Bei anderen relevanten Straftaten verhält es sich ähnlich.

Die Wahrnehmung indes sieht etwas vollkommen anderes. Für einen Gutteil der Bevölkerung hat sich gefühlt an der Sicherheitslage nichts zum Positiven verändert.

Dahinter mögen gesellschaftliche Gründe stecken; dazu politisches und mediales Fehlverhalten. Aber es ist dennoch eine Tatsache, dass Architektur primär dem Menschen dienen sollte. Und wenn dieser sich auch entgegen der Tatsachen unsicher fühlt, muss gehandelt werden – anderweitig füllt das Haus seine ureigenste Funktion als Schutz- und Rückzugsraum nicht mehr korrekt aus, denn auch gefühlte Sicherheit ist nun einmal Sicherheit.

Doch wo müssen Planer umdenken und neu dem Kunden offerieren?

1. Das Gläserne beschränken

Der vielzitierte „Gläserne Bürger" ist für die meisten Menschen das perfekte Bild einer Dystopie. Zwar ist gläsern in diesem Zusammenhang metaphorisch zu verstehen. Wenn es sich allerdings auf physisches Glas bezieht, wird die Metapher sehr real.

Was wir schon seit geraumer Zeit im privaten Wohnungsbau sehen, ist ein im Vergleich zur Gesamtfassade enorm großer Anteil an verglasten Flächen. Die architektonischen Vorteile liegen natürlich auf der Hand – viel Tageslicht, Erwärmung des Innenraums durch Strahlungswärme, ein offenes, einladendes Design. Dank moderner Verglasungen auch energetisch kein Problem.

Jener Traum, den Mies van der Rohe mit dem Farnsworth House erbaute, ist auf diese Weise heute fast zur Vollendung gereift.

Doch das Sicherheitsproblem erwächst zum Teil aus genau jenem offenen, einladenden Design. Je größer die Fensterfläche, desto unwahrscheinlicher, dass diese sich sorgfältig mit einem Rollladen verschließen lässt. Was bleibt sind Jalousien, Plissees, Milchglas(folien) und dergleichen.

Der Rückzugsraum wird auf diese Weise zum selbst im allerbesten Fall zumindest teilweise durch alle Welt einsehbaren Objekt. Der Vorteil, das Außen mit dem Innen zu verbinden, verkehrt sich ins Gegenteil, wenn man spätestens bei abendlicher Beleuchtung trotz Vorhängen innen jede Bewegung zumindest in Schemen erkennen kann und sich umgekehrt nie sicher ist, nicht beobachtet zu werden.

Das wirkt sich auch auf andere Sicherheitsaspekte aus – in einem solchen Haus kann die elektronische Anwesenheitssimulation via Smart Home noch so ausgefeilt sein, sie wird durch die schlichte Tatsache überlistet, dass jeder Kriminelle einfach durchs Fenster prüfen kann, ob sich tatsächlich Bewohner innen aufhalten.

Zudem ist die Gläsernheit auch ein handfestes Sicherheitsproblem: Von sämtlichen gängigen Fassadenmaterialien bietet Fensterglas im Ursprungszustand den geringsten Einbruchschutz gegen stumpfe Gewalt. Nur mithilfe von Folien oder teuren Spezialgläsern kann das verändert werden, wobei dennoch keine optisch abschreckende Wirkung erzielt wird – ungleich einer Wand oder einem Gitter.

So weh es vielen Architekten auch tun mag, zumindest im Parterre sollten sie sparsamer mit Glas umzugehen lernen. Zwar muss dies nicht in „Schießscharten" resultieren. Aber durchaus in Fenstern, deren Abmessungen die Integration klassischer Rollläden ermöglichen.

2. Metallische Sicherheit schaffen - harmonisch

Metall ist, gerade in der heutigen Zeit, ein von vielen Architekten etwas verschmähtes Material. Seine Leitfähigkeit macht immer aufwendige Maßnahmen zur Verhinderung von Wärmebrücken notwendig. Die Optik ist gerade dort, wo es um Natürlichkeit geht, abträglich.

Verständlich, dass Metall deshalb meist nur in Details verwendet wird – Fallrohre, Dacheindeckungen, Geländer.

Allerdings muss man sich ebenso vor Augen rufen, dass Metall eine optisch und physisch enorm hohe Widerstandkraft aufweist. Längst ist auch deshalb die Aluminiumhaustür in die Kataloge zurückgekehrt. Ebenso verhält es sich mit Fenstern, mit Lichtschachtabdeckungen, Hintertüren.

Metall ist das derzeit einzige Baumaterial, das für bewegliche Installationen eingesetzt werden kann und dennoch eine Widerstandskraft ermöglicht, die sonst nur von unbeweglichen mineralischen Materialien – Beton, Stein usw. – erlangt werden kann. Und es strahlt diesen Widerstand auch optisch und haptisch aus.

Zudem denkt der sorgsame Planer auch voraus und an sich selbst: Seit Jahren verzeichnen Metallbauer randvolle Auftragsbücher, weil die Besitzer von teils sehr jungen Bestandsgebäuden sich an sie wenden – Metallgitter sollen verbaut werden.

Von einem Sicherheitsstandpunkt muss man akzeptieren, dass immer mehr Menschen das wünschen. Allerdings gebietet es schon die „architektonische Ehre", ein dermaßen auffälliges Fassadendetail von vornherein harmonisch einzuplanen – anstatt ein sorgsam geplantes Haus nach wenigen Monaten durch uninspirierte Rundstahlgitter „Edelstahl gebürstet" abwerten zu lassen.

3. Den Markt beim Planen ergreifen

Die allermeisten Planer geben sich viel Mühe, ihr Wissen um Baumaterialien, Techniken, Installationen brandaktuell zu halten, um für jedes Projekt aus einem breitestmöglichen Pool schöpfen zu können.

Das ist sehr gut. Nur sollte es auch von vornherein und sehr grundsätzlich auch Sicherheit umfassen:

Im ersten Punkt spiegelt sich nicht nur die Tatsache wider, dass die Einbrüche durch Glas zugenommen haben, sondern auch, welchen Stellenwert selbst kleine Maßnahmen haben können:

  • Standardmäßiges Nutzen von Fenstern bzw. Fenstertüren mit Pilzkopfzargen.
  • Planerisches Integrieren von Überwachungs- und Einbruchsmeldesystemen.
  • Grundsätzliches Einplanen von Rollladensicherungen.
  • Konstruktiver Einbau von Zusatzschlössern

Vieles, was heute als enorm schlagkräftige Erhöhung der Sicherheit angesehen wird, lässt sich in der Planungsphase nicht nur simpel, sondern vergleichsweise nonchalant integrieren.

Vor allem obliegt es dabei aber auch dem Architekten, der sachkundige zentrale Ansprechpartner für solche Maßnahmen zu sein. Der Kunde darf trotz aller Ratgeber im Netz nicht als kundig angesehen werden. Und es wäre unternehmerisch vermessen, dieses Feld anderen Firmen zu überlassen.

Fazit

Die Einbruchszahlen mögen sinken, das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung tut es jedoch nicht. Noch gibt es auch nicht so wenige Einbrüche, dass man von gänzlich haltloser Panik sprechen könnte. Es bleibt die Tatsache, dass das eigene Heim die für die allermeisten Menschen nicht nur metaphorische Burg darstellt. In keinem anderen Raum wollen/müssen/sollen sie sich so sicher fühlen.

Gemäß dieser Tatsache sollte der gute Architekt dabei helfen, dieses Sicherheitsgefühl zu vermitteln – auch wenn die dazu notwendigen Zutaten seinem persönlichen Stilempfinden vielleicht vollkommen zuwiderlaufen mögen.

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