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Mut zur Trabantenstadt

Wohnring Neuperlach. © WSB Bayern / Doblinger Unternehmensgruppe, Foto: Hermann Schulz Wohnring Neuperlach. © WSB Bayern / Doblinger Unternehmensgruppe, Foto: Hermann Schulz
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Trabantenstädte waren die Antwort auf den Wohnungsmangel der Nachkriegszeit. Prof. Andreas Hild, Dekan der TUM, erklärt im Interview, warum die Großwohnsiedlungen besser sind als ihr Ruf – und wie sie sogar Lösungen für die aktuelle Wohnraumkrise bieten könnten.

„Neuperlach ist schön" heißt das Buch, das Sie der größten Münchner Trabantenstadt zum 50. Geburtstag gewidmet haben. Für viele Münchnerinnen und Münchner klingt das sicherlich provokativ ...

Prof. Andreas Hild: Das liegt aber weniger an Neuperlach als vielmehr an den Vorurteilen, mit denen die meisten Menschen solchen Großwohnsiedlungen begegnen. Früher galt Neuperlach als sozialer Brennpunkt. Wenn man bedenkt, dass 55.000 Menschen dort auf einen Schlag zusammenkamen, verwundert das nicht.

Und heute?

Heute hat sich das Siedlungsgebiet Münchens ausgedehnt und ist jetzt enger mit der damaligen Satellitenstadt verbunden. Außerdem wurde die Infrastruktur verbessert: In der Anfangszeit gab es beispielsweise noch keine U-Bahn nach Neuperlach. Heute fühlen sich viele Menschen, die dort leben, sehr wohl. Nicht zuletzt liegt das daran, dass die Wohnungen dort gute Grundrisse haben und Neuperlach vergleichsweise stark begrünt ist.

Worin liegt die Schönheit Neuperlachs?

In unserer Studie zeigen wir einige versteckte Schönheiten anhand einer Fotosammlung auf. Zum Beispiel den Großen Ring am Theodor-Heuss-Platz könnte man als „schön" bezeichnen. Wenn man da drin steht und diese sehr spezielle riesige Fläche erlebt, dann wirkt dieser Ort schon besonders. So hat sich die Moderne die durchgrünte Stadt vorgestellt. Generell hängt es aber von der persönlichen Einstellung ab, ob man etwas als „schön" bezeichnet. Vielleicht empfinde ich Neuperlach als „nicht schön", die Menschen, die dort leben, verknüpfen diesen Ort jedoch mit ihren eigenen Wünschen, Träumen und Erinnerungen.

Was fasziniert Sie persönlich an dieser, wie Sie es nennen, gebauten Utopie?

Als Neuperlach ab 1960 geplant wurde, herrschte eine wahnsinnige Aufbruchsstimmung. Der Bau der Siedlung fällt genau zwischen die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg und den Olympischen Spielen 1972 in München und war eine unglaubliche gesellschaftliche Leistung. Man war damals bereit, die Probleme anzugehen und sie zu lösen. Von diesem Optimismus könnten wir uns heute eine Scheibe abschneiden.

Warum baut man denn heute keine Trabantenstädte wie Neuperlach, um etwas gegen die herrschende Wohnungsnot zu tun?

Der Wohnungsmangel heute ist durchaus vergleichbar mit dem, der in den 1950ern in München herrschte. Die Antwort damals war der Bau sogenannter Entlastungsstädte wie Neuperlach. Heute sind im Stadtgebiet aber keine Bauflächen in der Größe mehr verfügbar. Neuperlach ist fast 1.000 Hektar groß, aktuelle Neubaugebiete wie Freiham umfassen dagegen nur 100, allerhöchstens 200 Hektar. Momentan ist aber ein guter Zeitpunkt, darüber nachzudenken, wie man Neuperlach als städtebauliche Ressource nutzen kann. Heute besteht in den Großwohnsiedlungen von damals Sanierungsbedarf. Das interessiert mich als Professor für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege natürlich besonders.

Was schlagen Sie vor?

Man könnte die Fläche Neuperlachs weiter bebauen. Obwohl die Siedlung darauf ausgelegt war, vielen Menschen Wohnraum zu geben, weist sie eine erstaunlich niedrige Bebauungsdichte auf. Besonders beliebte Stadtviertel wie die Münchner Maxvorstadt sind tatsächlich dreimal so dicht bebaut. Die von vielen an der Maxvorstadt so geschätzte Infrastruktur, Läden und andere gesellschaftliche Serviceleistungen sind in Neuperlach gar nicht so leicht anzubieten. Um die Rentabilität solcher Angebote auch in Neuperlach gewährleisten zu können, wäre es sinnvoll, die Siedlung zu verdichten. Indem man mehr Menschen nach Neuperlach bringt, könnte man gleichzeitig die Situation der dort Lebenden verbessern und einen Teil des Flächenproblems der Stadt München lösen. Ursprünglich sollten 80.000 Menschen in Neuperlach untergebracht werden – und das ist auch heute noch denkbar.

Könnte das auch eine Lösung für andere Trabantenstädte sein?

Unser Buch ist nicht nur ein Lob auf Neuperlach – wir wollen uns damit diesen Siedlungen deutschlandweit nähern. Viertel wie Köln-Chorweiler und die neue Vahr in Bremen sind vergleichbar aufgebaut, haben ähnliche Probleme und auch ähnliche Potentiale.

Publikation:
Hild, Andreas; Müsseler, Andreas: „Neuperlach ist schön. Zum 50. einer gebauten Utopie", Franz Schiermeier Verlag, München, 2018.

Mehr Informationen:
Vom 27. Februar bis zum 19. Mai wird im Architekturmuseum der TUM die Ausstellung „Die Neue Heimat (1950 – 1986)" gezeigt. Die Neue Heimat war der größte nicht-staatliche Wohnungsbaukonzern im Europa der Nachkriegszeit und gehörte dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). In einem Zeitraum von über dreißig Jahren hat das Gewerkschaftsunternehmen mehr als 400.000 Wohnungen in Deutschland geplant und gebaut – darunter auch Neuperlach. Die Ausstellung lenkt die Perspektive auf die Architekten und Stadtplaner der Neuen Heimat und deren Einfluss auf den Wohnungs- und Städtebau.

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