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"Think Tank" zum Thema Iconic Architecture auf der neuen Wildspitzbahn

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01. März 2013

Man sollte meinen, dass man sich bei extrem schwierigen Bedingungen für den Bau eines Gebäudes das Leben nicht noch zusätzlich schwer macht. Nicht aber, wenn die Architekten Baumschlager Hutter Partner heißen (der Baumschlager von Baumschlager Eberle) und nicht, wenn man den Fassadenprofi FRENER & REIFER engagiert. Dann kann man auch auf fast 3.500 m Höhe und einer Aufstandsfläche von nur 200 qm ein spektakuläres und doch elegant zurückhaltendes Gebäude realisieren. Die schon vielfach publizierte neue Wildspitzbahn im Österreichischen Pitztal hat bereits etliche Besucher angelockt – mitnichten nur Architekten.

Die Bergstation mit Restaurant und Aussichtsplattform gehört zu der Art Gebäude, die auch in Publikumszeitschriften abgebildet und besprochen werden.
Was bedeutet das nun? Ist so ein Gebäude auf dem Weg eine Architekturikone zu werden? Und wenn ja, ist das gut oder schlecht?

Um dieser Thematik mal gescheit auf den Grund zu gehen, hat FRENER & REIFER mit unserer Unterstützung und unter dem Titel Think Tank Iconic Architecture ein gutes Dutzend schlaue Leute aus den verschiedensten Disziplinen auf diese Berg-“Hütte“ eingeladen.

Dazu gehörte auch der Bauherr, der als Steueranwalt aus Innsbruck die ganze Sache aus reiner Passion angetrieben hat, sowie natürlich Carlo Baumschlager und sein Partner Oliver Baldauf. Nach einer ausführlichen Besichtigung, unzähligen Ahs und Ohs und noch mehr Fotos, lockt man uns mit Schmankerln und einem Glas Wein ins Innere um uns die Entstehungsgeschichte und alle damit verbundenen Hürden aus erster Hand anzuhören. Erst jetzt begreift man unter welchem Aufwand und mit welch logistischer Raffinesse dieses Gebäude erstellt werden musste. Und da für ein erfolgreiches Ergebnis, gerade bei einer aufsehenerregenden Form, das Zusammenspiel von Architekt, Bauherr und Ausführungs-Spezialisten entscheidend ist, lauten unsere Fragen an die Teilnehmer:

  • Wie minimiert ein Team den Abstand zwischen Vision und Realität?
  • Welche Einflussfaktoren führen uns zu längerfristig unerwünschten Ergebnissen?
  • Wie umgehen wir Potemkinsche Dörfer und Effekthascherei?
  • Wie können wir Oberflächenkosmetik durch nachhaltig kreierte Fassaden-Funktionalität ersetzen?
  • Was sind kommende Qualitätsmerkmale einer wirtschaftlich und gesellschaftlich akzeptablen Gebäudehülle?
  • Wie tief können wir dafür in strukturelle und mechanische Gebäudesysteme eingreifen?
  • Was müssen wir verwerfen, was erneuern und was investieren, um Wert-Investment zu gewinnen?
  • Kurz gesagt: In welchem Bauen wollen wir uns spiegeln?

Der Zeichenforscher und Semiotiker Enders, der an der HAWK Hildesheim das Thema Designmarketing untersucht, hat die Ergebnisse unseres Brainstormings auf 3.440 m Höhe in einem sehr schönen Text zusammengefasst.

Nach einem Nicht-satt-sehen-können und tausenden von Fotos sind wir uns trotz hitziger Debatte zur Fragestellung einig: Ikone hin oder her! Die Wildspitzbahn ist ein ungeheurer Gewinn! Für Architekturliebhaber, Skifahrer, Hüttenwirte, Gletscherbahnbesitzer und - von mir aus auch - Ikonen-Jäger.

Wer je in die Nähe kommen sollte, darf sich eine persönliche Inspektion nicht entgehen lassen!

Regine Geibel

 

Die WILDSPITZBAHN im Österreichischen PITZTAL

2009 beschloss die Pitztaler Gletscherbahn die bestehende Seilbahn komplett zu erneuern und durch ein Restaurant mit spektakulärer Aussicht auf die Dreitausender der Ötztaler Alpen zu erweitern. Den Wettbewerb für das komplexe Hochgebirgsprojekt hat das Architekturbüro Baumschlager Hutter Partner gewonnen.

Ausgangspunkt der gewählten Formensprache war der einzigartigen Panoramasicht in die Alpen durch ein einfühlsam zurückhaltendes Architekturkonzept gerecht zu werden. Ein kompakter Baukörper mit glänzender Aluminiumhülle fügt sich nun in die ganzjährig weiße Welt der 3000er Gipfel ein, denn seit der Wintersaison 2012 ist die neue Wildspitzbahn am Pitztaler Gletscher auf 3.440 m in Betrieb.

Bauplatz in Extremlage

Auf einer gewagt geringen Aufstandsfläche von nur 200 m2 auf einer Gletscherzunge, sollten 1.200 m2 Nutzfläche entstehen. Windgeschwindigkeiten von über 180 Std/km, klirrende Kälte, Schnee und Eis, intensive UV-Strahlung sowie eine sehr kurze Bauzeit setzten außergewöhnliche Herausforderungen für alle Beteiligten.

2011 werden die Fundamente gegossen und im Tal alle Bauteile elementiert so vorbereitet, dass sie teils mit einer Materialseilbahn, teils mit Hubschraubern zur raschen Endmontage auf die Felsspitze des Brunnenkogels gebracht werden können. Alles muss auf Anhieb passen, da Korrekturen auf der Baustelle nicht möglich sind. Um diese Genauigkeit zu erreichen, gibt es eine Gitterkonstruktion aus Stahl.

Die Fassade

Die abgerundeten Bauformen bieten der Witterung zwar den geringsten Widerstand, erforderten aber für Dach und Fassaden völlig neuartige Lösungen, die von dem Südtiroler Unternehmen FRENER & REIFER kreativ und innovativ ausgearbeitet wurden. Auf der Tragkonstruktion des stählernen Gitterrostes wurden über hundert jeweils unterschiedlich sphärisch geformte Platten befestigt, die wind- und wasserdicht ineinander greifen. Besonderes ingenieurtechnisches Vorgehen war bei den großen Scheiben der Isolierglasfassade nötig, um den unterschiedlichen Luftdruck zwischen Tal und Bergspitze auszugleichen.

Die Außenhüllen der Berg- und Talstation bestehen aus einzelnen Freiformflächen. Jedes einzelne Paneelblech hat eine individuelle

Formgebung, ist also ein Unikat. Alle Verkleidungsbleche wurden in den FRENER & REIFER-Werkstätten auf 3D-Basis passgenau, montagegerecht in Alu-Oberflächenoptik vorgefertigt. Für die Fassade, die auch das Dichtsystem der Dachflächen und Wände übernimmt, wurde eine spezielle Unterkonstruktion entwickelt, die über allseits verstellbare und fein justierbare Halter auf die Stahlkonstruktion geschraubt wurde.

Diese Unterkonstruktion folgte präzise dem Fugenverlauf der Blechelemente über deren Längskante und dient zusätzlich als Drainage bzw. zweite Dichtebene der Außenhaut.

Die Aussteifung der Blechelemente erfolgt durch einen umlaufenden und

entsprechend der Biegung geformten Rahmen mit Aussteifungssprossen. Die Befestigung der Bleche auf die Rahmen wurde über aufgeschweißte

Gewindebolzen hergestellt; die in sich starren Blechelemente wurden auf der Baustelle in die vormontierte Unterkonstruktion eingesetzt und in den Fugen mit einem neu entwickelten Ankersystem befestigt. In Dachrandnähe wurde eine flächenbündige Regenrinne integriert.

Die Mehrzahl der unsichtbaren Montage- und Distanzprofile mit ihren unterschiedlichen Abmessungen waren kraftschlüssige Verbindungselemente zwischen den tragenden räumlichen Stahlgitter-Fachwerken und der eleganten Gebäudehülle. Alles in allem: Die

klassisch/geometrisch nicht definierbaren Radien der durchgängig dreiachsig gekrümmten Fassadenflächen erzwangen höchste Genauigkeitsanforderungen in allen Arbeitsschritten.

Eine Seilbahn der Höhepunkte

Die neue Einseilbahn und das Café 3.440 stellen für die Pitztaler Gletscherbahn mit etwa 20 Mio. Euro die größte Investition der letzten Jahre dar, von der nun die Gäste profitieren: In nur 5 Minuten und 40 Sekunden können 2.185 Personen pro Stunde in geheizten Gondeln ohne Wartezeiten befördert werden. Skier und Snowboards können mit in die 8er Gondeln genommen werden was das Ein- und Aussteigen erleichtert und beschleunigt.

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