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Zu Engelbrechts nach Kopenhagen

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20. Mai 2012

Velkommen til København!

Welche Gemeinsamkeiten mag es wohl zwischen Kopenhagenern und Münchnern geben? Nun, beide scheinen mit sich und Ihrer Umgebung sehr zufrieden zu sein. Dänen gelten als die glücklichsten Menschen der Welt und München als die lebenswerteste Stadt. Die Konstellation „Münchner in Kopenhagen“ verspricht einen Gemütszustand, der vor allem bei Design- und Architekturliebhabern wie uns noch verstärkt wird. Diese „beglückenden“ zwei Tage wurden uns von Engelbrechts ermöglicht.

„Engelbrechts, wer ist das noch mal?“ wird sich an dieser Stelle der eine oder andere fragen. Engelbrechts reiht sich ein in die Akteure der legendären Dänischen Designgeschichte. Der inhabergeführte dänische Möbelproduzent entwickelt in Zusammenarbeit mit einheimischen Designern moderne und zeitlose Sitz-Möbel. Alle Arbeiten stehen im Zeichen einer maximal funktionellen Ausrichtung. Es sind Gebrauchsmöbel, die jeder Anforderung gerecht werden (von der einfachen Kantinenmöblierung bis zum High Class Bürosessel) und dennoch die Ästhetik nicht außer Acht lassen.

Engelbrechts, lädt ein bis zwei Mal im Jahr Architekten und Innenarchitekten aus dem Deutschsprachigen Raum nach Kopenhagen ein, um ihnen, unter anderem, die wichtigsten modernen Gebäude sowie die Architekturfakultät und das schöne Lousiana Museum zu zeigen. So sind wir am 10. Mai nach Kopenhagen gereist.

Unser erster Exkursionstag beginnt mit dem Abholen unserer Schweizer Teilnehmer, die die Gesamtanzahl auf stattliche 50 Personen vervollständigen, und führt vorbei am Designhotel „Bella Skye“ von 3XN Architects (kürzlich mit dem „Best Architecture in Europe“-Preis ausgezeichnet), an den 8 House von BIG Architects und an Jean Nouvels „Bluebox“, entlang zu dem daran anschließenden neuen Campus der Universität von Kopenhagen.

Das Tietgen Dormitory (Studentenwohnheim) von Lundgaard & Tranberg Architects wurde uns von zwei sehr kundigen Architekturstudentinnen vorgestellt. In Gruppen durften wir dieses Rondell dann live erfahren und bekamen seine Konzeption, die auf individueller Vielfalt in der Gemeinschaft (die Symbolik des Kreises) beruht, erklärt. Ach ja, hätte man doch damals als Student auch in einem solchen Wohnheim leben können, wo es gleich 12 Küchen auf einer Ebene des Rondells gibt, sich alle Gemeinschaftsräume zum Hof hin orientieren und man (unter knapp 400 Studenten) Wohnzimmer-Hopping machen kann.
Während der Bauzeit (2006 fertiggestellt) durfte sich jeder der zukünftigen Bewohner in die Planung mit Wünschen einbringen. Dabei heraus kamen ein Partyraum, praktische bunte Briefkästen und Waschmaschinen sowie Fahrrad-Abstellmöglichkeiten und eine Waschküche mit Tageslicht im Erdgeschoss.

Ein Internationales Wohnheim braucht flexible Grundrisse. Die Privaträume, die sich an der nach außen gerichteten Seite des Kreises befinden, besitzen flexible Schrankelemente als Raumteiler. Die Computerräume mit sind mit praktischen KEVI-Stühlen ausgestattet, die Einrichtung der Gemeinschaftswohnzimmern bleibt den Studenten überlassen. Der übliche Mix aus alter Ledercouch, (Carlsberg-)Bierkühlschrank und Billy Regal ist auch in Kopenhagen der klassische Studentenlook .

Das Mikado House von Arkitema Architects nimmt das Motto des gesamten Bezirks auf. Seine verschachtelte Fassade scheint auseinander zu fliehen und ermöglicht so den Blick durch seine transparente Hülle in das Herz des Gebäudes. Sie steht Sinnbildlich für die funktionale Verknüpfung, das Netzwerk zwischen den unterschiedlichen Bereichen und Gebäuden des Stadtteils. Der Grundriss ist variabel und ein Mikrokosmos aus sich überschneidenden, ineinandergreifenden oder klar voneinander getrennten Zonen, die durch seine unterbrochene Fassade auch von außen zu erahnen sind. Arkitema selbst ist in dieses 2010 fertig gestellte Gebäude neben einem Supermarkt und weiteren Büros eingezogen.

Womöglich wurden diese tiefsinnigen Gestaltungselemente in einer der ältesten Architektur-Schulen der Welt gelernt, die wir im Anschluss besichtigen. Der Bruch könnte nicht größer sein: eben noch in dem hochmodernen Ørestad, wo Fassaden zumal als Projektionsflächen dienen (Jean Nouvels „Bluebox“), nun zwei Straßen weiter in das Backsteinareal der Akademie. Die „Royal Danish Academy of Fine Arts, Schools of Architecture, Design and Conservation“ wurde Mitte des 18. Jahrhunderts, anlässlich des 31. Geburtstags von König Frederik V, gegründet. Noch heute kann sich hier „24/7“ in wunderschönen Werkstätten und Hörsälen die Kreativität entfalten. Der Stuhl CHAIRIK bekommt in diesen Studios seine individuelle Note und wird mit feinem königlichem Wappen, das unter die oberste Melanin-Schicht eingelegt wird, gebrandet. Der gesamte Komplex strahlt den Charme des 18. Jahrhunderts aus, der in Kombination mit dem modernen Inhalt sehr stimmungsvoll wirkt.

Fußläufig ist von hieraus das wohl berühmteste und monumentalste Gebäude des letzten Jahrzehnts zu erreichen. Das 2004 fertig gestellte Opernhaus von Henning Larsen Architects. Eindrucksvoll überspannt die Dachfläche wie ein Flügel den Vorplatz und verfehlt trotz seiner imposanten Höhe seine Funktion als Witterungsschutz nicht. Die Leuchter des Isländischen Künstlers Olafur Eliasson strahlen gegen den grauen Himmel an; man würde gern noch in das Innere, doch unser Boot wartet schon und wir fühlen uns ein wenig wie „Februar in Venedig“ wie wir so auf den Canal Grande Kopenhagens hinausfahren. Die kleinen Wasserstraßen die wir in der kommenden Stunde durchgondeln erinnern uns dann stark an die Niederlande. Die Waterfront Kopenhagens kann jedoch auch gut mit Hamburgs Hafencity oder den London Dogs mithalten; die Dimensionen sind jedoch dieser 500Tsd.-Einwohner-Stadt angepasst. Die dänischen Architekten scheinen bei der Gestaltung ihrer Fassaden allesamt auf Dänemarkwetter-Effekte abgezielt zu haben. So spiegeln sich hoch glänzende petrol-grüne und dunkelgraue bis tief schwarze Fassaden eben auch bei grauem Wetter, edel in dem unruhigen Wasser der Ostsee. (so z.B. der Black Diamond von Schmidt Hammer Lassen Architects, das Nordea Bank Headquarter von Henning Larson oder das Royal Theater von Lundgaard & Tranberg Architects) Das wirkt authentisch!

Für unsere Vorstellung eigentlich weniger authentisch, doch anscheinend typisch Dänisch war das darauffolgende Sushi-Essen im rooftop Restaurant des Tivoli Hotels. Die Kopenhagener geben sich kulinarisch kosmopolitisch; aufregend, wie der Glasfußboden in der Skybar, durch das man ca. 100 Meter in die Tiefe schaut. Im Tivoli Congress Center (von Kim Utzon Architekten für die Arp Hansen Group entworfen), werden einem die Dimensionen von Großveranstaltungen verdeutlicht. In dem Saal für über 2.000 Personen, sind nicht nur die eingedeckten ca. 150 Meter langen Tischreihen ein Hingucker, sondern auch die extrem ökonomisch stapelbaren CHAIRIK 112 Stühle des Designers Erik Magnussen.

Am Abend sind wir in den mitten in der Altstadt gelegenen Showroom von Engelbrechts eingeladen, wo uns die neueste Kollektion des Designers Andreas Hermansen vorgestellt wird. JOINT ist eine elegante Büromöbelserie, deren Entstehung und Gestaltungsprozess uns Hermansen persönlich erzählt. Er erläutert wie er sich durch die Form von Flugzeugtragflächen zu dem Tisch- und Sesselgestell hat inspirieren lassen. Ein durchdachtes und minimalistisches Verbindungssystem der einzelnen tragenden Elemente, die durch Aneinanderreihung (Stecksystem) ins unendliche verlängerbar sind, überzeugt besonders beim Konferenz-Tisch. Mattes und hoch glänzendes Aluminium wechseln sich ab, glänzende Bereiche sind die Schnittstellen und markieren die Mechanik. Das Gestell des Tisches und der Sessel wirkt ergonomisch und in der Komplexität ihrer einzelnen Elemente sehr harmonisch. Das polierte Aluminium wirkt zudem weicher als Chrom und ist in seiner Herstellung ökologisch verträglicher. Weniger Edel, dafür genauso spannend stellt sich der „Skizzenstuhl“ des selben Designers dar. Dieses Kunstwerk erinnert durch sein unordentliches Drahtgeflecht an die Skizze eines Sessels. Wir freuen uns, das normalerweise in Kopenhagens Designmuseum ausgestellte Objekt, im Engelbrechts Showroom anschauen zu können und tatsächlich sitzt es sich gar nicht schlecht auf solch einem Gekritzel!

Zu späterer Stunde ist ein Polstermöbel dann doch gemütlicher: Die „ehrlichen“ KATO Lounge- Sofas und -Sessel des Designers Kasper Salto glänzen nicht nur in Engelbrechts Showroom in Kopenhagen sondern gehören auch zum Interieur der Nobelboutiquen von Chloé. Das filigrane Rohgestell lässt die Sitzflächen und die breiten Rückenlehen abheben, während die schmalen Armlehnen wiederum zur eigentlichen zierlichen Form zurückführen. Auch hier wird uns der Entstehungsprozess von Salto persönlich erläutert.

Beides fand im Übrigen im Rahmen einer herrlichen BBQ-Party statt, das sich in die Merkwürdigkeiten der dänischen Kulinarik einreihte: Gegrillt wurde bei Regen in einer Garage im Innenhof (keine Beschwerden über den Rauch), frisches Obst im Blattsalat, asiatische Dips zum T-Bone-Steak und vom Chef persönlich zubereitetes Rhabarber-Mousse, das jedoch nicht als Dessert, sondern für die Martinis verwendet wird! Wir essen, ratschen und trinken bis spät in die Nacht und gehen nur heim, weil es am nächsten Tag früh los gehen soll.

Unser erster Stopp, die von allen als „süß“ Titulierte Meerjungfrau, war wohl kaum das Highlight dieses Tages. Wenn es an einer Küste eine Raumbezeichnung wie „Ecke“ oder „Nische“ gäbe, wäre das genau die Lokalisierung, wo sich die kleine Figur des Bildhauers Edvard Eriksen befindet. Sie sitzt dort scheu und scheint sich ein wenig unwohl zu fühlen. Das stört hingegen die Asiaten kaum, die sich fürs Foto auch gern ein blondes Kind ausborgen.

Viel beeindruckender war die Fahrt entlang der Küstenstraße nach Norden. Man kennt diese Lagen: Auf der einen Seite das Meer, und auf der anderen Seite der Küstenstraße die Sommervillen. Meist eine wie die andere... Hier hingegen ein irres Potpourri aus und faszinierend individueller Baukultur der vergangenen 150 Jahre. „Wer soll diesen Mix ertragen?“, würde man meinen. Doch in Dänemark ist das anders: Hier funktioniert es, denn es sind Häuser, die in Ihrer Ästhetik so einzigartig und zum überwiegenden Teil so wunderschön sind, dass man sich an dieser Vielfalt nicht sattsehen kann. Darunter immer wieder Highlights des Funktionalisten Arne Jacobsen, wie die Tankstelle Skovshoved aus den 30er Jahren oder die recht große Bellavista-Siedlung.

Wir sind neugierig, in was für einem Haus der Designers Jørgen Rasmussen (KEVI Schreibtischstühle) wohnen wird, den wir an diesem Vormittag besuchen. Und siehe da: es handelt sich um ein Konglomerat sehr alter Gebäude aus dem 18. Jahrhundert das den Namen „Spurveskjul“ trägt, was übersetz so viel wie „versteckter Spatz“ heißt. Die verwunschene Atmosphäre wird verstärkt durch das Rätselraten um die Zwillingsbrüder Jørgen und Ip, die sich so sehr ähneln, dass die heute Mitte Achtzigjährigen als junge Männern so manchen Streich mit ihren Freundinnen gespielt haben. Vermutlich tun sie es heute noch... Durch die sehr persönliche Einrichtung – ein Sammelsurium von Lieblingsstücken aus aller Welt – fühlt man sich sofort geborgen. Plötzlich kommt die Sonne raus und wir sitzen bei Kaffee und unverschämt leckerem Kuchen in dem romantischen Garten. Keiner mag wieder in den Bus einsteigen und wir sind erstaunt wie emsig die Architekten dieses sehr unmoderne Idyll fotografieren...

Abschied nehmen von Kopenhagen dürfen wir dann vom Luisiana Museum aus: Die Ausstellung des Düsseldorfers Andreas Gursky führt uns durch großformatige Fotografien zurück nach Deutschland. Im Sonnenschein durch den großen Park des Museums wandelnd, fühlt man sich an diesem schönen Fleck einerseits verbunden wie die Sklupturen von Henry Moore mit Ihrer Umgebung, andererseits durch das Bewusstsein der anstehenden Rückreise flüchtig wie Alexander Calders Mobiles. Und so verlassen wir das Lousiana durch Richard Serras „Gate“ und reisen nach einem abschließenden Spaziergang durch Kopenhagens Altstadt erfüllt und inspiriert nach München zurück.

Wir danken Morten Engelbrecht, Peter Mahler Sørensen und Christopher Clasen für die Einladung nach Kopenhagen und freuen uns auf ein Wiedersehen!

Mehr Informationen über das Unternehmen finden Sie hier.

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