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sauerbruch hutton | arbeiten für münchen

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19. Februar 2012

Wie kein anderes Büro stehen Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch für die Verbindung funktionaler, ökologisch bewusster und stadträumlich integrierter Planung und der Freude an sinnlichen Formen und Farben. Ihre Kombination aus „sense and sensibility“ ist bis Ende März in der Architekturgalerie zu besichtigen.

Dabei liegen zwischen dem kleinsten (und ersten Münchner) Projekt des Büros – den fünf vom Konzeptkünstler Olaf Nicolai 2002 für den Botanischen Garten in Auftrag gegebenen zeitgenössischen Bienenhäusern – und ihrem größten – der ADAC Hauptverwaltung – Welten; nicht nur in Bezug auf das Bauvolumen, sondern auch in Bezug auf die Qualität der Zusammenarbeit mit dem „Bauherrn“.

Den Anfang aber macht das Museum Brandhorst: Wie es auf Augenhöhe an der Längswand der steingrau gestrichenen Galerie hängt, entfaltet das Modell eine fast genauso starke Präsenz wie das Original auf der gegenüberliegenden Straßenseite – jedenfalls lässt sich an ihm auf einen Blick erkennen, aus wieviel (zig-)tausend verschiedenfarbig glasierten Keramikstäben die Fassade besteht. Und weil Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton den Begriff „Arbeitsmodell“ wörtlich nehmen, lässt sich jeder der im Modell streicholzlangen Stäbe abnehmen, um die Wirkung des (an keiner Stelle sequenziellen) Fassadenmusters zu überprüfen.

Dagegen gibt das Modell der ADAC-Hauptverwaltung einen früheren Planungsstand wieder: Die bis ins Sockelgeschoss verschiedenfarbige Fassade wird im Innenhof nicht realisiert. Dafür brilliert es mit einer ganz eigenen Kombination aus computergefräster Präzision und handwerklicher Anmutung der farbigen Fassadenelemente.

Diesen Effekt auf die Spitze treibt das Modell des „Haus K“, einer viergeschossigen Villa in der Königinstraße für einen Münchner Verleger und Kunstsammler mit fantastischem Blick auf den Englischen Garten. Seine Fassade besteht aus ca. 55.000 in 15 unterschiedlichen Farben glasierten Höckerziegeln: Macht in summa 110.000 verschiedenfarbige erhabene Quadrate – wobei der Scherben im Sockelbereich grau, darüber sandfarben gebrannt ist. Allein für dieses Modell war ein Mitarbeiter mehrere Wochen damit beschäftigt, die erhabenen Stellen der Ziegel von Hand zu kolorieren.

Den Abschluss bildet das von unten begehbare Modell eines Bürogebäudes der MunichRe aus den 1980er Jahren an der Schenkendorfstraße in Schwabing-Nord: Dort konnten Sauerbruch Hutton zum ersten Mal statt Abriss und Neubau eine Generalsanierung realisieren – was normalerweise an den Kosten oder den Möglichkeiten einer Nachverdichtung scheitert.

So unterschiedlich die gezeigten Projekte in Größe und Typologie auch sind: Gemeinsam ist ihnen allen das Thema der polychromen Fassade. Auf dem Vorbesichtigungstermin der Ausstellung sprach Jochen Paul mit Matthias Sauerbruch:

In „arbeiten für münchen“ ist kein einziger Plan zu sehen: Welche Bedeutung hat das Modell für Ihre Entwurfsarbeit?

Eine ganz zentrale: Nirgends lassen sich die Farbigkeit unserer Fassaden, ihre Fernwirkung und das Spiel von Licht und Schatten annähernd so genau überprüfen wie am Modell. Farbe ist für uns Material, genauso wie Stein, Glas, Metall oder Keramik, und Materialien lassen sich zweidimensional nicht befriedigend darstellen, weder am kalibrierten Bildschirm noch auf Papier. Das ist übrigens auch mit ein Grund, warum „Sauerbruch Hutton – Colour in Architecture“ erst jetzt erscheint: Die Abstimmung und Festlegung der Farben für die Druckfahnen war sehr aufwändig und entsprechend langwierig. Letzten Endes aber entscheidet die gebaute Realität – die Keramikstäbe für Fassade des Museum Brandhorst auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden chargenweise farbig sortiert auf die Baustelle geliefert und anschließend aufgehängt: Als am Anfang nur die Rosatöne zu sehen waren, waren auch wir etwas unsicher, wie die Fassade am Ende aussehen würde.

Wodurch unterscheiden sich Ihre Arbeiten für München von den anderen Projekten des Büros?

Gute Frage – wir werden ja immer als Berliner Büro wahrgenommen, haben in München aber inzwischen mehr gebaut als in Berlin: Unsere dortigen Arbeiten sind allesamt älter, auch der Wettbewerb für unsere zuletzt fertig gestellte Feuer- und Polizeiwache wurde bereits 1999 entschieden. In meiner Wahrnehmung hat München auch ein anderes Verhältnis zu Farbe als Berlin, und das ist nicht nur eine Frage von Norden und Süden: Vor allem unter Hans Stimmann als Senatsbaudirektor war Berlin ganz bewusst sehr steinern und grau, was uns die Arbeit nicht unbedingt erleichtert hat. Dagegen ist das Klima unter seiner Nachfolgerin Regula Lüscher ideologiefreier und offener geworden.

Das Museum Brandhorst ist ja ein zentraler Baustein des Kunstareals. Wie beurteilen Sie dessen Anbindung an die Innenstadt im Zusammenhang mit den Planungen für das neue Siemens Headquarter?

Ich kenne den Entwurf von Henning Larsen Architects nicht gut genug, um wirklich beurteilen zu können, was er für die Erreichbarkeit und städtebauliche Anbindung des Kunstareals leistet, aber egal wie die Durchwegung des Siemens-Geländes en détail gestaltet ist: die Verkehrsführung an der Ecke Gabelsberger Straße/Oskar-von-Miller-Ring ist eine massive Barrierere, und eine diagonale Durchwegung vom Wittelsbacher Platz in Richtung Pinakotheken endet immer an der St. Markus-Kirche. Davon abgesehen würde aber sagen, dass das Museum selbst ein zentraler Impulsgeber für das Kunstareal ist: Seit der Eröffnung haben sich in der Umgebung zahlreiche Galerien angesiedelt, und insgesamt wirkt die Gegend auf mich deutlich belebter als vorher.

Vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Informationen zur Ausstellung

(Zeitgleich) zur Eröffnung der Ausstellung erschien „Sauerbruch Hutton – Colour in Architecture“ im Distanz Verlag, Berlin.

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