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Markus Heinsdorff

Markus Heinsdorff. © Gabriela Beck Markus Heinsdorff. © Gabriela Beck

Kurzporträt | Der Künstler im Querdenker.

„Ich bin kein Multitalent obwohl ich ja viele Talente habe, ich bin Künstler."

München, Anfang der 1970er: Gerade hat Markus Heinsdorff seine Lehre als Steinmetz abgeschlossen, da soll er den Laden von Münchens wohl bestem Goldschmied, Heinz Siebauer, renovieren. Auf der Leiter stehend ruft er den Kunstschmieden im Atelier zu: „Das kann ich besser als ihr." Da fordert der Chef eine Probe aufs Exempel. In Minutenschnelle hämmert der 20jährige Heinsdorff einen durch einen Goldreif springenden Löwen derart kunstvoll ins Metall, dass er eine eigene Werkstatt bekommt.

München, Mitte der 2010er: Ein Treppenhaus in einem Schwabinger Gründerzeitgebäude: abgelaufenes grün-beiges Mosaikmuster, Schmiedeeisen-Geländer mit Holzgriff, kein Lift. Markus Heinsdorff – heute Anfang 60, groß, schlank, graumelierter Herrenschnitt, modische Halbrahmen-Brille, eierschalenfarbener Trenchcoat – steigt behände die Stufen in den zweiten Stock hinauf und entriegelt etwas umständlich zwei Türschlösser. Das Telefon klingelt im Arbeitszimmer. Er geht ran: „...du weißt doch, dass ich nicht links noch rechts schaue sondern immer nur geradeaus."

Markus Heinsdorff bezeichnet sich als Künstler. Querdenker wäre vielleicht passender für einen, der Objekte entwickelt, die sich nützlich machen. Zum Beispiel den ‚Rotor', ein Wasser-Kleinstkraftwerk aus dem Schlauch eines Traktorreifens, einem einfachen Elektromotor wie beim Fahrraddynamo und ein paar Rotoren, gefertigt aus Blech. Wirft man das Gebilde in fließendes Wasser, beginnt es sich zu drehen und liefert Strom. Internationale bekannt ist Heinsdorff spätestens seit der Expo 2010 in Shanghai, wo das von ihm entworfene Deutsch-Chinesische Haus aus Bambus für Aufsehen sorgte. Zum ersten Mal wurden dort Bambus-Naturrohr und Bambus-Laminat zu einer modernen Konstruktion kombiniert. Im Moment beschäftigt er sich mit verschiedenen Arten von Low-Cost-Häusern: Unterkünfte aus stapelbaren Gemüsekartons, Müll-Häuser, deren Wände aus Gabionen – Drahtkörben – mit verschiedensten Materialien gefüllt werden können, seien es Erde, Schutt oder Plastikflaschen. Ein Konstrukteur, der sich lieber als Installationskünstler mit einem Faible für Architektur sieht? Heinsdorff lehnt sich in seinem Arbeitszimmer im Stuhl zurück, nippt am Rotwein, nimmt sich Zeit zu überlegen. Dann sagt er: „Wenn sich mein Turm aus Plastikmüll in Kapstadt von der Kunstinstallation zu einer Baulösung für Slumhütten entwickelt, ist das ein wunderbarer Nebeneffekt – aber eben ein Abfallprodukt meines Kunstschaffens."

Von seiner Arbeit ist in Heinzdorffs Schwabinger Altbau-Wohnung nicht viel zu sehen: Im Flur hängen mehrere Reihen Bildband großer Fotografien hinter Glas. Die Motive zeigen Naturstrukturen in schwarz-weiß: Blätter, Äste, Zweige, Bäume. Es sind Aufnahmen von seinen Projekt-Reisen nach Ecuador, Nepal, Indien.

Natürlich ginge es in der Kunst auch immer um Identität, sagt Heinsdorff. „Günther Uecker macht seine Nagelbilder. Richter ist immer wieder erkennbar." Ob man ihn an seiner Kunst erkenne, sei ihm hingegen völlig egal. Sein eigenes Gebiet der ‚nützlichen Kunst' sei einfach so speziell, „dass es wohl nur ganz wenige Künstler gibt, die sich überhaupt darauf einlassen würden."

Im Arbeitszimmer bringen weitere Fotos von Wasser und Wald etwas Farbe in das nüchterne Ambiente: Besprechungstisch mit Laptop, Arbeitsplatte mit Flachbildschirm, Planschrank, Alulamellen vor den Fenstern. Das Papier auf den Tischen liegt in ordentlichen Stapeln. An der Wand wachsen zwei Türme flacher Pappkartons im A4-Format gerade in die Höhe. Darin befinden sich Samen, Blüten und Kapseln, sauber beschriftet mit Angaben zum Fundort, die Heinsdorff von seinen Reisen mitbringt.

Markus Heinsdorff sagt: „Heinz Siebauer hat damals erkannt, dass auf seiner Leiter ein Talent stand. Der war clever, der wusste, ich bin jemand, der etwas Neues bringt."