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Freiformarchitektur

03. Mai 2015

WAS IST DIE HERAUSFORDERUNG BEI DER FREIFORMARCHITEKTUR?

Wie kann man Gebäudeformen und Fassade anders denken? Was muss passieren, um beim Entwurf wieder von den rein orthogonalen Formen wegzurücken? Wie kann die Freiformarchitektur ihr Image unbezahlbar zu sein hinter sich lassen?

Diese und viele Fragen mehr stellte das südtiroler Unternehmen Frener & Reifer einem ausgewählten Team von Experten während der Baumesse München 2015. Dieser Think Tank war bereits der zweite Termin nach dem im März 2013 der Wildspitzbahn auf dem Pitztaler Gletscher auf 3.440 m stattgefundenen, mit dem Thema „Ikonische Architektur".

„Denn das heute Bekannte ist nicht das, was uns in Zukunft als Herausforderung einholen wird. Deshalb war die Devise: darüber nachdenken, wie es anders und damit besser gehen könnte." sagt Michael Purzer, Head of Marketing und Sales beim Fassaden-Spezialisten aus Brixen.

Teilnehmer der Diskussion und des Workshops:

  • Thorsten Sahlmann | Renzo Piano Building Workshop, Paris
  • Sara Klomps | Zaha Hadid Architects, London
  • Martin Mutschlechner | Lanz + Mutschlechner Stadtlabor, Innsbruck
  • Prof. Tobias Walliser | L-A-V-A, Berlin
  • Prof. Ruth Berktold | YES Architecture, München
  • Philipp Molter | Technische Universität München
  • Elisabeth Endres | Ingenieurbüro IB Hausladen, Kirchheim
  • Dr. Daniel Pfanner | Bollinger + Grohmann Ingenieure, Frankfurt a. M.
  • Tobias Nolte | Certain Measures, Berlin
  • Alexander Schiftner | Evolute, Wien
  • Adeline Seidel | Stylepark, Frankfurt
  • Regine Geibel | muenchenarchitektur.com, München
  • Prof. Dr. Gerdum Enders | Global Mind, Kassel (Moderation und Gesprächsleitung)
  • Dominik von Loesch | Global Mind, Kassel
  • Markus Walder | EOS - Exportorganisation der Handelskammer Bozen
  • Michael J. Purzer | FRENER & REIFER, Brixen
  • Michael Reifer | FRENER & REIFER, Brixen
  • Erwin Trommer | FRENER & REIFER, Brixen


WAS IST DIE HERAUSFORDERUNG BEI DER FREIFORMARCHITEKTUR?

Die Teilnehmer beginnen den Austausch und wir nähern uns dem Thema. Schnell wird klar, es ist kein einfaches, kein monokausales Thema. Doch dafür sind wir zusammengekommen. Jeder sieht es aus seiner Perspektive, aber über eines man sich einig: Die freie Form ist eigentlich die Natürliche!

Was sind unsere zentralen Fragestellungen? Wir clustern unsere erste thematische Annäherung und finden drei grundlegende Themen, die geklärt werden müssen:

DAS IMAGE, fast könnte man sagen - die Imagekrise, denn unter Freiformarchitektur wird zwischenzeitlich auch Freikostenüberschreitungs-Architektur verstanden. Zu kompliziert und aufwändig, damit zu risikoreich, damit zu teuer. Was ist zu tun, damit wir ein anderes Bild, eine andere öffentliche Sichtweise, einen Imagewandel auf die Freiformarchitektur mit ihrer außergewöhnlichen Fassadenkonstruktionen bekommen?

DIE PROZESSE, die anspruchsvolle Architektur auslöst sind von komplexen Abläufen geprägt, die alle direkt Beteiligten zu bewältigen haben. Hinzu kommt der digitale Kontext moderner 3D-Planung einschließlich parametrischer Modelle. Hier wird programmiert. Eine ganz andere Entwurfsmethodik zur Anwendung gebracht. Dies zusammen vor dem Hintergrund überregulierter Bauvorschriften zeigt das Spannungsfeld auf: Wie können wir neu, besser und anders bauen, also klassisches Prozedere überwinden?

DIE ZUKUNFT, welche Vision haben wir von und mit Freiformarchitektur? Was ist menschengerechtes Bauen jenseits des rechten Winkels? Welche Vorteile bietet Freiformarchitektur? Welche Anwendungen sehen wir und wie könnte die Freiformarchitektur der Zukunft gestaltet sein, mit welchem Zusatznutzen versehen und sogar Mehr-Wert schaffen?

Workshop 1: Hat Freiform eine Image-Krise?

Workshop 2: Freiform-Prozess – Wie steht es um Bau- und Vertragskultur?

Workshop 3: Vision – Welches Zukunftsbild haben wir von Freiform?

Wir teilen uns entsprechend thematisch auf, jetzt wird es ernst. In einem ersten Durchlauf beginnt die Bestandsaufnahme. Ziel ist der vernetzte Austausch in der Idee: Perspektiven wechseln – Zusammenhänge verstehen.

Dabei müssen die Gruppen auf den Punkt kommen. Es geht nicht um lange Erklärungen und komplizierte Texte, sondern um praktische Erkenntnisse für zukunftsorientiertes Bauen und effizienter Bauprozesse. „Neue Realitäten dank Freiheit im Experimentellen" (Prof. Ruth Berktold) entstehen. Deshalb entscheiden wir uns für eine visuelle Poster-Präsentation. Unterstützt durch Visualisierungen, die den symbolischen Kontext des Themas aufnehmen, soll pro Arbeitsgruppe das Thema auf einer Seite geknackt sein.

Aus diesem Grund kommt dann auch ein Scribble-Profi in die Arbeitsgruppen. Er zeichnet, damit die Gruppe sieht, was sie denkt. So entstehen drei Keyvisuals, die das Thema visuell verankern, gepaart mit den Thesen und Kontexten, die die Gruppe für ihre Themenpräsentation zentral in die Plenumsdiskussion stellen.

Das Ergebnis:

„Freestyle" braucht eine neue methodik, die dann entsprechend Ausdruck einer neuen Baukultur wäre. Andere Disziplinen haben es uns vorgemacht. Die Ingenieure haben mit Simultaneous engineering die traditionelle Produktentwicklung verbessert. Nun sind Architekten weniger Techniker als Gestalter. Doch auch die Gestalter haben sich methodisch aufgerüstet. Mehr noch, sie haben einen Entwurfsansatz kommuniziert, der sich fast als Marke etabliert hat: „Design thinking". Dieser Begriff hat genug impact um sich in der Aufmerksamkeitsökonomie durchzusetzen. Denn darum geht es heute auch: Die anderen müssen wahrnehmen, dass es anders ist, heißt: Das Image von Freiform kann sich nur wandeln, wenn Freiform-Architektur in einen neuen Kontext gestellt wird.

Wie könnte das gehen?

Unsere finale Diskussion beginnt und dreht sich um eine neue Wertegemeinschaft. Wir sind uns einig, eine neue Baukultur kann nicht über Nacht entstehen. Es könnte ein Forschungsprojekt aufgesetzt werden, wir könnten Benchmarks als Branchenvorbilder analysieren. Andererseits wissen wir aus dem Hochschulalltag, das universitäre Wissensgenerierung meist etwas behäbig entsteht und dann das in der Praxis vorhandene postrationalisiert. Also sollten wir anders vorgehen. Wir kommen zur Erkenntnis, dass wir die strategische Allianzen brauchen. Derer, die anders bauen wollen. Die Vision, die diesen Ansatz treibt liegt im methodischen innovationssprung. Was wäre, wenn wir eine

eigene architektonische methode definieren, die Hardware und Software integriert und ein anderes Vorgehen vorgibt. Ähnlich dem „Design-thinking", das mittlerweile ja auch einzug in andere Disziplinen wie Unternehmensberatung gemacht hat.

Die Potentiale werden von allen gespürt. Gefühlt haben wir natürlich auch die dahinschmelzende

Zeit, unsere Gedanken jetzt schon ins Finale zu führen. Der Suchraum ist erkannt und das ist das Wichtigste. Es geht um eine neue Methodik des Bauens, die jenseits technoider digitaler Möglichkeiten den humanen aspekt betont. Open innovation, Partizipation, die kollektives Wissen und Fühlen über Architektur neu aufstellen können. Und das sollte dann auch nach Außen kommuniziert werden. Frener & Reifer sieht sich hierbei als Initiator– und realisierer. Die Thesen des Workshops Freiform-Architektur haben gezeigt, es ist Zeit für einen Paradigma-Wechsel. Bauen ist mehr als Datenoptimierung – es geht um die zukünftige Baukultur.

Diese ist nun fokussiert, wir geben sie in die Inkubation. Die neuen Gedanken brauchen einfach Zeit, um sich neuronal zu vernetzten. Schon jetzt ist klar: Das war nicht der letzte Workshop zu diesem thema. Der Anschluss ist offensichtlich und auch von den Teilnehmern gewünscht: Wir treffen uns in Südtirol wieder. Herbst 2015. Das wird spannend. und entspannend. Dort werden wir das thema weiter knacken. – es sollte doch möglich sein zeitlich ungebundener und in der inspirierenden Atmosphäre der Dolomitenberge ein gemeinsames Manifest mit zentralen Thesen zu formulieren, um so Bewegung in die architekturmethodische Diskussion zu bringen. und, wenn wir richtig gut sind, finden wir

dann sogar einen neuen Begriff, der die Methode beschreibt."

Prof. Dr. Gerdum Enders, Zeichenforscher

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