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Buchtipp | Häuser des Jahres

Buchtipp | Häuser des Jahres
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16. Oktober 2012

Das Buch zum Callwey-Wettbewerb: Die 50 besten Einfamilienhäuser des Jahres 2012 auf einen Blick

Drei Viertel der Deutschen betrachten ein freistehendes Einfamilienhaus als persönlich erstrebenswerte Wohnform, aber nicht mal fünf Prozent dieser Häuser werden von freien Architekten gebaut. Insofern präsentiert das Buch Häuser des Jahres − Die besten Einfamilienhäuser 2012 die geradezu künstlerische Ambition einer erlesenen Bauherrschaft. Andererseits ist der Bau eines individuellen Traumhauses nicht nur eine Frage des guten Geschmacks, sondern auch des Geldbeutels. Wer nur ein umzäuntes Gehäuse braucht, das nach der Schuldentilgung ihm gehört, legt auf Bau- Wohnkultur keinen besonderen Wert. Er erledigt damit nur einen Posten in seiner betriebswirtschaftlichen Lebensplanung. Und so sieht das Haus dann meistens aus.

Völlig unabhängig davon ist die Typologie Einfamilienhaus seit einiger Zeit in die Kritik geraten. Meist steht es in städtebaulich fragwürdigen (Zer-)Siedlungen, in denen kleine Grundstücke gerade noch erschwinglich sind, dafür werden täglich weite Verkehrswege zum Arbeitsplatz oder zur Versorgung der Kinder in Kauf genommen, dazu kommt die nur aufwendig zu erreichende energie- und ressourcenschonende Ausstattung − es scheint, als gehörte das Wohnen im Einfamilienhaus zu den lustvollen, unvernünftigen Lastern aus einer anderen Zeit wie fettes Essen, Kettenrauchen und maßloses Trinken.

Dass dem nicht so sein muss, zeigt die Auswahl der 50 besten Häuser des diesjährigen Wettbewerbs. Wenn der größte Teil einer Gesellschaft eine konkrete Vorstellung von seinem persönlichen Habitat besitzt, hilft keine propädeutische Mission, um das Wohnen in einer städtischen Blockrandbebauung zu propagieren. Sondern die Auseinandersetzung mit eben diesen Erwartungen für ein privates Zuhause. Sicher demonstrieren die gezeigten Beispiele überwiegend den Glücksfall einer anspruchsvollen Architektur, aber gleichzeitig sind es Modelle, die zu einer Überprüfung eigener Wohnvorstellungen taugen. Vor allem sollten sie dazu dienen, in einem Architekten den Anwalt für ihre konkrete Umsetzung zu sehen.

Einfamilienhäuser besetzen in der Werkliste eines Architekturbüros überwiegend eine marginale Position. Hier lassen sich alle Leistungsphasen abarbeiten, im direkten Kontakt mit einer konkreten Bauherrschaft − für ein vergleichsweise bescheidenes Honorar. Solche Aufgaben sind maßgeschneiderte Sonderanfertigungen, die im besten Fall einmal zu den Inkunabeln der Baugeschichte gehören werden. Insofern lässt sich das Kompendium auch als eine Art Echolot lesen, das den Stand der privaten, zeitgenössischen Wohnarchitektur erkundet. Und das unterscheidet die prämierte Auswahl in diesem Jahr von der vorherigen. Sie zeigt eine Fülle an Möglichkeiten, wie sich das wunderbare, einmalige, altmodische, verfluchte Wohnen in den eigenen Vier Wänden realisieren lässt, fernab gepflegter Klischees und Ressentiments. Im Einfamilienhaus muss heute keine Familie mehr wohnen, es muss nicht auf der grünen Wiese stehen und keine hermetische Vereinzelung hinterm Gartenzaun demonstrieren. Im besten Fall umschreibt die Architektur hilfsweise, worin noch niemand war: Heimat.
Wolfgang Bachmann

Hiermit hat der Münchner Callwey-Verlag wieder ein Buch herausgegeben, welches mit seinem strukturierten Aufbau, den großen farbigen Abbildungen, Grundrissen und Lageplänen in jeweils gleichem Maßstab, kurzen Texten inklusive Projektdaten und erfreulicherweise Portrait-Fotos aller Architekten, professionals und potentiellen Bauherren bzw. coffee table book-Sammlern gleichermaßen große Freude bereiten wird.

Wie der Juror Wolfgang Pehnt in seinem augenzwinkernd-lakonischen Vorwort schreibt, wundert man sich zwar etwas, warum man derlei prachtvolle Examplare deutschsprachiger Baukunst nie am Wegesrand stehen sieht (dafür immer die in "leicht zitronengelbem Putz, bei denen sich der dekorative Ehrgeiz an den Haustüren aus Schmiedeeisen oder Aluminium austobt."), aber gerade deswegen muss man sie sich wenigstens in Büchern anschauen können. Und dazu viele Sehnsuchts-Seufzer ausstoßen...

Cécile Prinzbach
 

Die Autoren
Wolfgang Pehnt, Architekturhistoriker und -kritiker verfasst die Einleitung zum Buch.
Die ausführlichen Projekterläuterungen stammen von Wolfgang Bachmann, Herausgeber der Architekturzeitschrift Baumeister.

Wolfgang Pehnt/Wolfgang Bachmann
Häuser des Jahres
Die besten Einfamilienhäuser 2012
2012. 272 Seiten, 607 farbige Abbildungen und Pläne
23 x 29,7 cm, gebunden mit Schutzumschlag
€ [D] 59,95; € [A] 61,70; sFr. 79,00
ISBN 978-3-7667-1973-7
Homepage zum Wettbewerb: http://haeuser-des-jahres.com

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