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Isarlust kann noch lustig werden...

Isarlust kann noch lustig werden...
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12. September 2012

Robert Stauffer, * 1936 in Bern, lebt seit 1987 in der Corneliusstrasse in München, 5 Häuser entfernt von der Corneliusbrücke und ein paar Gehminuten vom Gärtnerplatz. Er lebte früher in den Städten Bern, Zürich, Basel, Wien, Budapest und Köln. Einige Jahre war er Bauzeichner, seit seinem 22. Lebensjahr ist er Schriftsteller und schreibt hauptsächlich Radiolitera­tur.

Am Mittwoch, den 12.09.2012, trafen wir Robert Stauffer beim Arbeitskreis Isarlust des Münchner Forums und der urbanauten. Dort trug er folgenden Text vor, der so viel Spaß machte, dass wir Ihn an dieser Stelle veröffentlichen möchten. Nehmen Sie sich die Zeit, diese „aperspektivische“ Betrachtung auf den innerstädtischen Isarraum inklusive (teils zotiger Kommentare seines Schriftstellerkollegen Matthias Mala, Jahrgang 1950) zu genießen.

Ein aperspektivisches Statement von Robert Stauffer

Der Isarraum in München, zwischen Corneliusbrücke und der Tivolibrücke, ist im Gegensatz etwa zum Arno in Florenz, dem Tiber in Rom, und der Donau in Budapest, nur teilweise von urbanen Bauten umrandet. Die Einheimischen und Alteingesessenen der Innenstadt und der an­grenzende Stadtteile rechts der Isar, kennen ihn; der Bergbach ist nur an wenigen Stellen frei zugäng­lich. Gegen Süden hin, bis zum Hinterbrühler See, ist er noch eher eine Naturlandschaft. Aber gross­zügig ist der eigentliche Flussraum nicht.

„Welche Bedeutung hat dieser Raum für die Anwohner, Anlieger, Stadtviertelbewohner - die Münch­ner? Wie erleben sie ihn?“

Soviel Bedeutung wie der Englische Garten und die Schlösser Nymphenburg und Schleiss­heim. Die Isar liegt ja nicht faul und weitab von der Stadt, wie zum Beispiel die Donau in Wien. Als Fluss, selbst in München noch ein Bergbach, ist die Isar keineswegs von Gleichmässigkeit, was den Pegelstand anbelangt, geprägt. Sie ist fast noch ein Wildwasser und darum kam man bisher auch nicht auf die Idee, Badenastalten zu bauen, wie das zum Beispiel in Zürich an der Limmat möglich ist, weil der Fluss dort von einem grossen See immer ruhig bis zum Nebenfluss abfliesst. (Mit heutiger Technik könnte ja alles machen, auch in einen kalten Bergbach, mit er­heblichem Gefälle, ein warmes Freibad einbauen.) Für die Isar wurden zum Hochwasserschutz kaum Überschwemmungsgebiete gebildet, weil sie einfach von Natur aus zu schnell fliesst, von Quellmund auf 1160 m im Karwendel bis herab auf 518 m in München.

Die Landeshauptstadt München wirbt ganz entschieden zu wenig für den Isarraum. Wenn man im Münchner Hauptbahnhof ankommt oder im Erdinger Moos landet, gibt es für den den Tou­risten keine Hinweise darauf. Etwas anderes ist die teilweise Renaturierung der Isar über deren ökologi­sche und urbane Auswirkungen erst in einiger Zeit etwas festgestellt werden kann.

Matthias Mala kommentiert: „Die Renaturierung der Isar ist ein Witz, das hat nichts mit Natur zu tun, ein paar Inselchen in einen Kanal zu betonieren und das Kanalufer ein wenig zu schlängeln und vertreppeln. Die Fahrradfahrer auf dem Radweg sind eine Plage, noch schlimmer sind die Massen an Radfahrern, die trotz Rennpiste die Fußwege in den Isaranlagen benutzen“.

Die Isar mit ihren Uferlandschaften ist keine Gracht, kein Kanal, nicht zu verwechseln mit der Ill in Strasbourg, die sich im Stadtgebiet verzweigt und an deren Ufern man Hotels, Restaurants und Cafés erbaute. In Meran zum Beispiel würde man wohl nie auf die Idee kommen, an der jungen und lärmend durch die Stadt rauschenden Etsch, Freiluft und Gastronomieveranstaltungen zu machen, vermutlich auch nicht in Innsbruck. Die Isar ist ein Mittelding und nur im Hochsommer für Ufer- und Brückenveranstaltungen geeignet.

Matthias Mala kommentiert: „Gestern ging ich über die Isarbrücke zum Volksbad. Die Uferwiese, auf der früher Fußball gespielt und Hunde zum scheißen und ficken geführt wurden, war wie ein Robben­felsen überfüllt mit Menschlei­bern. Diese Menschen stehen dann abwechselnd bis zum Bauch im Flusswasser und pissen ihr Soft- oder Nichtsoftgetränk hinein. Hunde standen am Rand und schauten unglücklich aus ihrem Pelz, weil sie keine Auslauf mehr hatten“.

Der ansonsten etwas verwahrloste Inselpark mit prächtigen Bäumen und mit dem Vater-Rhein-Brun­nen vom Künstler Adolf von Hildebrand (1847-1921), war heuer Ort der Urbanauten, ein geplantes Angebot an Jugendliche, im Gegensatz zum fast orgiastisch- chaotischen Menschenauflauf am Gärt­nerplatz. der an jedem milden Abend bis in die Nacht hinein, seit einigen Jahren schon, und ganz ohne „Programm“, stattfindet.

Das wichtigste Denkmal im Münchner Isarraum, ist der „Vater-Rhein-Brunnen“. Vom Künstler Adolf von Hildebrand (1847-1921), einem bedeutenden Bildhauer und Kunsttheoretiker in den Jahren 1897 bis 1903 für Strassburg gebaut, wurde er dort auf dem Broglie-Platz errichtet. Nach dem Ein­marsch der Franzosen 1918 in Strassburg baute man den Brunnen ab, 1929 kam die Bronzefigur im Austausch gegen ein Gemälde nach München und wurde 1932, mit einer Nachbildung der Brunnen­anlage auf der Museumsinsel nördlich der Ludwigsbrücke, aufgestellt. Die Bronzefigur, ein Neptun, stellt den Flussgott des Rheins dar. Den Strassburgern soll er wegen der pferdearschähnlichen Ausprägung von Neptuns Gesäss, nicht gefallen haben. Geschichte kann man korrigieren und die Stadt München sollte die Vater-Rhein-Bronzefigur einer deutschen Stadt schenken oder verkaufen, die wirklich am Rhein liegt und auf den Sockel in München eine Isar-Nixe stellen.

Sandaufschüttungen, wo sonst an Flüssen wenig Sand vorkommt, sind ein Luxus. München leistet sich ihn. Paris an der Seine auch. Stroh und Heu wären für die fittnesspedicurierten jugendlichen Grosstadtbarfüssler etwas alpiner und herausfordernder. Ich erlebte bei den Events an der Cornelius­brücke, die das Team der „urbanauten“ um Benjamin David herum bisher veranstaltete, eigentlich nur das „Nachher“, den weggeworfenen Trinkbecher- und Papiermüll. Ob da Bier getrunken wird? Mün­chen ist ja die Bierstadt. Lärm habe ich nicht gehört, aber mein Nachbar im Haus, der in der 3. Etage wohnt, schon.

Matthias Mala: „Nun soll also die Isar vom Glockenbachviertel bis hinunter zur Tivolibrü­cke mit Balkonen versehen werden in die irgendeine miese volksnahe Gastronomie einquartiert wird. Dann wird es entlang der Isar nach schlechtem Öl stinken und viele läppisch angezogene Manns- und nuttig gekleidete Weibs­bilder in Gummilatschen werden herumschlurfen“.

Sollte München wirklich eine Großstadt sein, gehörte es auch dazu, dass der Lärmpegel höher ist als im kleinen Dorf, in der Schrebergartensiedlung oder in den verhüttelten Randgebieten der Städte. Wenn Lärm, wenn Musik, wenn Film, wenn Lifeauftritte, dann bitte nicht Techno für geschlossene Räume, oder Filme, die man an Auto-Kino-Plätzen vorführen kann. Der Abend, die Nacht ist geographisch und topogra­phisch ein sehr unterschiedlich verteilter Begriff. In unserer Zone isst man in der Regel nicht wie in Spanien erst um 23 Uhr. Das Abendessen, zwischen 19 und 20 Uhr ist dann gelaufen, darnach begin­nen die Theater und die Opern-Vorstellungen, die Literaturlesungen, das Kabarett, die Konzerte.

Und nun die Fragen:

„Die kulturelle Weiterentwicklung des Isarraumes, die widersprüchlichen Ansprüche der direkten An­wohner. Wie könnte es in zwanzig Jahren sein?“

Von der Kuppel des neubarocken Justizpalastes in München wird es eine Wasserrutsche bis in den Neptunbrunnen im Alten Botanischen Garten geben. Das Staatliche Hochbauamt wird das bewil­ligen und die Erben der Architekten Meuronis & Chapelle, Basel, werden die Ober- und Unterwasser­kunst auch den Münchnern schmackhaft machen.

Die Langeweile wird ein noch wichtigerer Wirtschaftsfaktor geworden sein, die Unterhaltungsindustrie wird weiterhin mit ständig steigendem Absatz rechnen können. Das passive Sportanschauen, an Gla­diatorenaustragungsplätzen und über die fliessenden Medien, wird zugenommen haben. „Nichts ist dem Menschen unerträglicher als völlige Untätigkeit, also ohne Leidenschaften, ohne Geschäfte, ohne Zer­streuungen, ohne Aufgaben zu sein. Dann spürt er seine NIchtigkeit, seine Veralssenheit, sein Un­ge­nügen, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere“, notierte der Mathematiker und Philo­soph Blaise Pascal, der von 1623 bis 1662 lebte. Und weiter schrieb er in seinen „Pensées“ („Die Ge­danken“): „Das ist der Grund, dass die Menschen so sehr den Lärm und den Umtrieb schät­zen, der Grund, dass das Gefängnis eine so furchtbare Strafe ist, der Grund, dass das Vergnügen der Ein­sam­keit unvorstellbar ist.“

Zur Abwehr der Langeweile – ein Grundzug des Menschen – veranstaltet ein Freund von mir, Tino Krattiger, Theaterregisseur, Baumeister und Kommunalpolitiker, seit 12 Jahren jährlich für 17 Tage in Basel ein Festival auf dem Rhein. Auf einem Floss, angebunden an die innerstäd­tisch wichtigste Rheinbrücke, die Gross- und Kleinbasel miteinander verbindet, treten zu Open-air-Konzerten auf dem Fluss lokale und nationale Musikgruppen auf. Mehrere Sponsoren unterstützen das Festival „im Fluss“, ein einfaches Konzept urbaner Lebenskultur mitten in der Stadt. Eine fliegende Gastronomie versorgt die Zuseher und Zuhörer – ohne Konsum­zwang – mit Getränken und am Schluss wird in Körbchen eine Kollekte eingesammelt. Es gab enorme Aufstände gegen das „Kulturfloss“, die die verschiedensten Generationen ans Wasser bringt, an ihren Fluss - und dadurch die Vermittlung kultureller Identität, ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Lebens­qualität vermittelt. Klagen von Anreinern, bis zum Obersten Gericht der Schweiz in Lausanne, gaben der Mehrheit der Basler recht, und die Beschwerdeführer mussten erkennen, dass man in ihrer Stadt nicht mehr zur Geräuschschonung mit Filzpantoffeln gehen kann und dass der Rhein wenigstens für einige Tage im Jahr auch eine Art von Riviera für Menschen sein kann. In München wird ähnliches passieren.

Der Öffentliche Raum ist gerade noch gut für den Transport- und Autoverkehr, und wenn die herr­schenden politischen Parteien es wollen, für Kundgebungen. Gegenüber Paris, London oder Wien ist München ein Zwergstadt. Man muss einmal den Menschen- und Verkehrslärm an der Avenue des Champs Élysées in Paris gehört haben, das ganz gewöhnliche Rauschen der Straße, auch das von grossen Strassenzügen in New York und in London; und an diesen Straßen wohnen Menschen, die zur Arbeit gehen, die schlafen müssen.
 
Alle Ohropax- und Ohrstöpsel-Bewaffneten, die selbst in ihren Wohnungen barfuss oder in Finken ge­hen, die Musik nur über den Kopfhörer hören, sollten in der Umgebung von Krematorien und Fried­höfen wohnen, nicht im Zentrum einer Ortschaft, einer Stadt.

München kann von Glück reden, dass es eine weitgehend katholisch geprägte Stadt ist. Also seit vie­len Jahrhunderten kennen die Münchner den unglaublich prunkvollen Lärm, den die katholischen Kir­chen mit ihrem Glockengeläute produzieren, die Prozessionsgeräusche bei Kirchenfesten im Freien, die Litaneibittgänge, die öffentlichen Hinrichtungen, das alles kennen sie. Auch an den demagogi­schen Lärm einer gewesenen Diktatur mögen sich Ältere noch erinnern, an den „Brot und Spiele“-Lärm feiernder Fussballgladiatoren. Ich glaube „Isarlust“ kann noch lustig werden.

Matthias Mala: „Isarlust ist unlustig. Die Isar war einer der letzten Freiräume, wo Penner unter den Brücken hausten, Hunde und Kinder herumtollten, man Radler anpöbeln und grüabige Ge­spräche mit Leuten aus dem Quartier, der Au oder aus Giesing führen konnte. Das ist jetzt alles beim Teufel. Fremde kommen mit Bierkästen, Junkfood und Grillkohle und verdrecken die Au. Das muss man hinnehmen, aber die Kom­merzialisierung des Isarraumes ist in jeder Hinsicht nur gentrifizieren­der Unsinn. Ein teures Vergnügen auf lange Sicht“.

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