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Die Hofstatt – Baustein zur Banalisierung der historischen Altstadt

Ein Gastbeitrag von Helmut Steyrer

Nachdem die neue Hofstatt im Herzen Münchens, investorengerecht überformt, Mitte dieses Jahres eröffnet wurde, zeigte sich schon auf den ersten Blick das Dilemma:


Das Entree vom sog. Sattlerplatz, der zur Hälfte als Privateigentum der Inka Holding nur noch mit Einschränkung öffentlich nutzbar ist, macht unglücklich. Es vertieft das Bedauern, dass hier ein bedeutendes Bauwerk der Münchner Nachkriegsarchitektur geopfert wurde: Dem Verlagsgebäude der Süddeutschen Zeitung (SZ), entworfen von den Architekten Groethuysen & Schreiber, das hier stand und damals als leuchtendes Beispiel der Nachkriegsmoderne gepriesen wurde (Landesamt für Denkmalpflege: „...eines der besten Gebäude in der Nachkriegszeit in München..."), wurde dennoch der Eintrag in die Denkmalliste verweigert. Grund dafür war der „fortgeschrittene Verfahrensstand" bei der Nachnutzung des SZ-Stammgeländes (Stadtratsbeschluss vom Mai 2006). Gemeint ist der fortgeschrittene Verhandlungsstand zwischen der Stadt und dem Investor, der LBBW Immobilien GmbH (LBBW - Landesbank Baden-Württemberg), dem der „Schreiber-Bau" bei der optimalen Vermarktung des Quartiers im Wege war.

Im Grundsatzbeschluss des Stadtrats vom Mai 2006 wurde eine bestandsorientierte Planung für das Areal gefordert und zur Voraussetzung gemacht für die bau- und planungsrechtliche Beurteilung der Maßnahme nach § 34 BauGB. Dieses § 34-Verfahren bringt wesentliche Erleichterungen für den Investor: Es bedarf keiner formalen Bürgerbeteiligung, und es gibt keinerlei Abschöpfung von privatem Wertzuwachs am Grundstück zu Gunsten öffentlicher Infrastruktur. Bei einem hier angemessenen Bebauungsplan-Verfahren wäre das alles verpflichtend geworden. Die Vorgabe zur Bestandsorientierung wurde schon beim „Schreiber-Bau" von Beginn an ignoriert.

Veränderung muss möglich sein, und es gibt eine Legitimation für Abbruch und Neubau im historischen Stadtbild: Dann, wenn das Neue von hoher Qualität, für den Erbauer wie für die Stadtgemeinschaft gleichermaßen von Bedeutung ist und damit den Eingriff in das gewachsene Gefüge heilt. Gemessen an diesem Anspruch ist die aufgepumpte Fassade, die uns vom sog. Sattlerplatz kommend an der Hofstatt begrüßt, umspült von Meereswellen im Kinoformat, mit Werbebannern internationaler Markenketten zugehängt und perforiert durch einen theatralen Eingang am Färbergraben zu den Passagen, eine unangenehme Enttäuschung.

Der Sattlerplatz sollte als Entree zur Hofstatt dienen und als Verbindung zum Kaufinger Tor, das als Passage zur Kaufinger Straße führt. Zu diesem Ort steht im Stadtratsbeschluss von 2006: „Diese Fläche kann ihre wichtige Funktion als stadträumliche Verknüpfung zwischen Fußgängerzone und Hackenviertel nur erfüllen, wenn sie gestalterisch und funktionell entsprechend aufgewertet wird."

Von diesem Anspruch ist nichts übrig geblieben. Der Sattlerplatz ist nach dem Umbau zur Hälfte von ebenerdigen Exklusivparkplätzen besetzt, die mit verschließbaren Sperren gesichert sind. Diese Privatparkplätze belegen dabei den öffentlichen Grund.

Die zweite Hälfte des Sattlerplatzes, als vermeintlich öffentlicher Fußgängerbereich dürftig gestaltet und getarnt, wird neuerdings durch ein unfreundliches Schild in mehrfacher Ausfertigung geschmückt: „Der Sattlerplatz ist KEIN öffentlicher Platz". Darunter stehen Sanktionen für das verbotswidrige Abstellen von Fahrzeugen aller Art, wie Fahrräder und Roller. Die Inka Holding GmbH & Co.KG als Eigentümer könnte sicherlich erklären, wie es zur Privatisierung dieser zentralen Fläche im öffentlichen Raum der Altstadt kommen konnte. Vielleicht hat auch professionelles Verwaltungshandeln der Stadt zu diesem Ergebnis geführt. Der Vorgang ist auf jeden Fall alarmierend, denn das Hausrecht der Investoren verlagert sich hier erstmals aus den Passagen heraus in den freien öffentlichen Raum.

Flüchten wir von diesem Ort in die neue Hofstatt, empfängt uns in sanft mäandernden Passagen die Welt der internationalen Mode. Es gibt nichts, was auffällig wird in dieser gleichförmigen Welt der Vermarktung, nichts überrascht, gibt Identität. Der neue, große Innenhof ist ein spannungsloser Grauplatz im Angesicht entleerter Fassaden der vergangenen Verlagskultur. Unversehens ist man wieder draußen im alten Stadtgefüge und fragt sich: Was ist hier geschehen?

Eklatant ist der Bedeutungsverlust, den dieser Ort und damit die Altstadt erleidet. Selbst das denkmalgeschützte ehemalige Redaktionsgebäude der „Münchener Neuesten Nachrichten" in der Sendlinger Straße 8, bedeutender Ort des Pressewesens seit Jahrzehnten, ist nur noch eine ausgeweidete Hülle, beseelt vom Ungeist eines Modelabels Abercrombie & Fitch, das in einer Inszenierung zwischen Geisterbahn und Spiegelkabinett die Botschaft verbreitet: „Wir wollen die coolen Kids. Viele Menschen haben in unserer Kleidung nicht zu suchen."

Dass Investorenpassagen auch gelingen können, wurde mit den „Fünf Höfen" an der Theatinerstraße bewiesen. Dort gibt es spannende Räume, Literatur und Kultur, Verspieltes, skurrile Pflanzen, die von oben nach unten wachsen, überraschende Lichtblicke und Oberflächen, eingebunden in veredelten Kommerz. Die verzweifelte Profitmaximierung bei der Hofstatt lässt diese kleinen Fluchten und Extravaganzen, die zur Unverwechselbarkeit eines Ortes führen, gar nicht mehr zu.

Wenn wir noch weiter zurückgehen, in die 80er Jahre, finden wir ein paar Häuser entfernt von der Hofstatt die Asamhof-Passage. Sie ist ein Relikt aus einer Zeit, als noch nicht das Diktat des maximalen Gewinns das ganze Leben durchdrungen hat. Hier gibt es lange Bänke, auf die man sich konsumfrei setzten kann, wo Verweilen und Innehalten im Stadtgefüge möglich ist. Hier sitzt seit Jahren ein alter, zusammengesunkener Mann als Statue auf der Stützmauer eines Hochbeets, ein Gestrandeter der Stadt, von Wind, Wetter und Moden unberührt. Der Konsumförderung dient dieser Anblick nicht, er dient aber dem Nachdenken. Dreißig Jahre nur sind vergangen, und doch liegen Welten zwischen den Aussagen von damals und heute.

Die kommerzielle Innenstadtveredelung geht ungezügelt weiter und erfasst einen weiteren, noch bedeutenderen Ort der Geistes- und Kulturgeschichte der Altstadt: Die Alte Akademie an der Neuhauser Straße. Auch hier droht die Banalisierung eines historischen Ortes aus wirtschaftlichen Gründen. Die Standpunkte werden sich mit diesem Ort demnächst befassen.

Helmut Steyrer

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