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Hilfe, es braucht wieder Stadtbaumeister!

Urbane Ästhetik – am 19. April wurde in Nürnberg unter dem Motto „Die Stadt sind wir" ein kompliziertes Thema beleuchtet. Das ehemalige Gebäude des Versandhauses Quelle machte als Austragungsort der spannenden Diskussion alle Ehre...

Das Baureferat der Stadt Nürnberg setzt mit der Veranstaltung „Die Stadt sind wir" seinen interdisziplinären Dialog mit Fachleuten und Bürgern im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Baukultur in Nürnberg" fort. Als Gäste zum Stadtgespräch trafen sich in der Aula des ehemaligen Quelle Versandgebäude am 19. April:
- Wolfgang Baumann, Bau- und Planungsreferent der Stadt Nürnberg,
- Reinhard Hübsch, Journalist, Südwestrundfunk Mainz,
- Johannes Kister, kister scheithauer gross architekten und stadtplaner
- Prof. Dr. Wolfgang Sonne, Deutsches Institut für Stadtbaukunst, Dortmund
- Max Dudler, Architekt, Berlin, Zürich, Frankfurt
- Simone Kraft, Kunst- und Architekturtheoretikerin, Kuratorin deconarch, Heidelberg und
- Julian Petrin Autor, Stadtforscher, Bürger-Stadt-Labor Nexthamburg

Nun ging es um die Fragen: Wer gestaltet die Stadt? Welche Akteure bestimmen die Qualitäten, die Identität und Attraktivität unserer Stadt? Gute oder schlechte Architektur - wer darf bestimmen? Welche Strategien werden in Zukunft verfolgt?

Zur Einstimmung in die Thematik wurden Filmausschnitte aus Jacques Tatis Stadtvisionen von 1967 gezeigt, die einen sehr kritischen Blick auf die damals moderne Architektur der 1970er Jahre werfen. Baumängel überfordern die Nutzer der Gebäude und scheinen nur für eine bestimmte „Klasse" gemacht: dem globalisierten Roboter, mehr Maschine als Mensch.

Der anschließende Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Sonne vom Deutschen Institut für Stadtbaukunst in Dortmund thematisiert die „ästhetische Nachhaltigkeit in der Stadt". Sonne unterstreicht, dass das bekannte Nachhaltigkeitsdreieck mit seiner ökonomischen, ökologischen und sozialen Komponente auch eine ästhetische beinhalten sollte. Er unterscheidet die Stadtbaukunst von den anderen Künsten und stellt seine Sonderrolle heraus, die von komplexen, zeitlich flexiblen technischen und kulturellen Faktoren geprägt ist. Mit vielen Bildern zu historisierender Architektur beleuchtet er Vorschläge, die auf Jahrhunderte alten Theorien beruhen, in der heutigen Architektur und im Städtebau jedoch kaum Beachtung finden: Das Prinzip der Vielfalt in Einheit, der Angemessenheit, Dekor nicht als Schmuck begriffen, sondern mit einer Aufgabe versehen...

Auch der Architekt Max Dudler setzt sich bei der Planung von Gebäuden und Gebäudeensembles, wie der Europaallee in Zürich oder der neuen Zentralbibliothek in Berlin, mit den Grundstrukturen der Europäischen Stadt auseinander. Er reduziert jedoch radikal auf die Komponenten Platz, Treppe, Weg und erzeugt dadurch eine minimalistische, hochmoderne Architektur – das Urhaus – das den Städten Ausdruck verschafft. Er kommt zu dem Schluss „Architektur ist nichts anderes als Lebensqualität".

Wieder anders spricht Johannes Kister über urbane Ästhetik. Er bemerkt, dass Architektur „ein Versprechen" sei und die Ästhetik bei jedem Wettbewerb wieder neu entschieden werde. Anhand seiner Projekte im In- und Ausland demonstriert Kister diese Tatsache und betont die Anpassung an die lokalen Gegebenheiten, die über Gelingen- oder Misslingen ästhetischer Architektur entscheiden. Als Metapher benutzt er das unscharfe Bild einer grünen Gießkanne auf grünem Rasen, dass im Publikum zunächst für Erheiterung, jedoch auch zum Verständnis seiner Theorie sorgt.

Inhaltstarke Abbildungen zeigt auch Julian Petrin. Als Gründer der Initiative Next Hamburg erläutert er die Perspektive der Bürger auf ihre Stadt, in der das Bauen an sich zweitrangig scheint und Themen wie Freizeit, Mobilität und Natur die eigentlichen Komponenten für eine „schöne Stadt" darstellen. Mit einem provokativen Foto aus den Wirren einer indischen Stadt endet Petrin seinen Vortrag mit dem Statement: „Es ist egal was wir bauen, Hauptsache es kann Stadt werden" und leitet in die von Reinhard Hübsch moderierte Podiumsdiskussion über.

Nach dieser Brandbreite an unterschiedlichen Perspektiven auf die urbane Ästhetik kommen nun noch sechs weitere Experten zu Wort: Der Züricher Architekt Willi Egli, Rechtsanwalt der DATEV Jörg Rabe von Pappenheim, Ralf Schekira, Geschäftsführer der wbg Nürnberg, Prof. Christian Barta, freier Künstler und Professor an der Hochschule Ansbach, Wolfgang Baumann vom Bau- und Planungsreferat der Stadt Nürnberg sowie Siegfried Dengler, Leiter des Stadtplanungsamtes Nürnberg.

Reinhard Hübsch stellt provokative Fragen und leitet das Podium dynamisch: Wie sieht es mit der Urbanen Ästhetik in Nürnberg aus? Wieso gibt es so wenig Leben auf den Straßen? Wie können sich Architekten aus ihrer Zwangsjacke aus ökonomischem Druck, den Vorstellungen des Bauherren und der Investitionsgesellschaften befreien? Was passiert mit den riesigen Quelle Gelände? Fehlen etwa die „großen Vorgaben" was die Ästhetik unserer Städte betrifft? Das Podium ist sich einig: Ja! Es fehlen die Leitlinien. Früher gab es Stadtbaumeister, heute bestimmen (zu) Viele mit zu einseitigen Interessen über unsere gebaute Umwelt. Brauchen wir also wieder Fischers, Schinkels oder Schumachers?! Willi Egli bemerkt: „Im Kollektiv können wir nur wenig erreichen, denn wir sind dadurch viel zu träge." Natürlich wird auch das Risiko, das mit einem Ein-Mann Ästhetik Beirat einherginge, diskutiert. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre jedoch schon gemacht, wenn der Begriff „Ästhetik" in der Bayerischen Bauordnung Einzug fände. Oder etwa nicht?