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Interview mit Toyo Ito zum japanischen Pavillon auf der Architekturbiennale

Der goldene Löwe 2012 für den besten Länderpavillon ging an Japan. Am Tag vor der Bekanntgabe des Juryentscheids sprachen Jochen Paul und Kaori Hirasawa mit commissioner Toyo Ito und den Kuratoren Sou Fujimoto, Akihisa Hirata und Kumiko Inui über den japanischen Beitrag „Home for all“, den Tsunami und seine Konsequenzen auf Architektur und Politik in Japan.

Jochen Paul: Was hat sich in den letzten anderthalb Jahren verändert?

Toyo Ito: Um ehrlich zu sein – in der Politik hat sich meiner Meinung nach nichts verändert. Ich hatte mehrere Male Gelegenheit, die vom Tsunami verwüstete Gegend zu besuchen, und auch an einigen Projekten mitzuarbeiten. Das Problem ist, dass die japanische Regierung beim Wiederaufbau auf genau dieselben Technologien setzt, die uns die Katastrophe beschert haben. Der Tsunami zerstörte zwei Dinge: Erstens die Wellenbrecher und die Schutzwälle, die die Küste hätten sichern sollen, und zweitens das Kernkraftwerk von Fukushima. Die Ursache dafür war ein und dieselbe – das uneingeschränkte Vertrauen in Technologie und darauf, dass sie absolut sicher und zu hundert Prozent beherrschbar ist. Und obwohl dieses Vertrauen infolge des Reaktorunglücks massiv gestört wurde, setzt die Regierung beim Wiederaufbau auf genau dieselben Technologien wir vorher – als ob es nur darum ginge, die Wellenbrecher zu verstärken und die Schutzwälle zu erhöhen, damit die nach Fukushima abgeschalteten Kernkraftwerke wieder ans Netz gehen können. Ein grundsätzliches Nachdenken über unseren Umgang mit der Natur findet dort nicht statt, was mich sehr verärgert: Diese Art von Wiederaufbau ist einzig und allein politisch motiviert, dabei wäre es eine Erkenntnis von grosser Tragweite, dass die Technologie, auf die wir seit 50 Jahren setzen, nicht ganz so nützlich und unbedenklich ist wie wir dachten.

JP: Was müsste sich demnach ändern?

TI: Die verwüstete Gegend war auch vor dem Tsunami keine Wachstumsregion und für die Wirtschaft des Landes ziemlich unbedeutend – und leider war ihre landschaftliche Schönheit mit den tief eingeschnittenen Buchten der Riaküste und den Bergen im Hintergrund gleichzeitig der Grund, warum sie am stärksten unter dem Tsunami gelitten hat. Auf der anderen Seite war die Natur dort noch relativ intakt, und die Leute hatten den Bezug zu ihr und ihren Mitmenschen noch nicht komplett verloren. Deshalb wollten sie auch ihre Häuser nach dem Tsunami dort wieder aufbauen. Aus meiner Sicht sind unser Umgang mit der Natur und unser Umgang miteinander Themen von allergrösster Wichtigkeit und zwei der Schlüsselfragen für unsere Zukunft. Leider ist diese Erkenntnis in Japan noch überhaupt nicht angekommen, hat sich diese Denkweise noch überhaupt nicht durchgesetzt. Architektur wird immer noch als sehr technische Disziplin betrachtet.

JP: Ihre Ausstellung stellt die Frage ja explizit, deswegen würde ich gerne noch etwas nachhaken: Was ist aus ihrer Sicht die Rolle der Architektur nach Fukushima, welche Konsequenzen sind Ihrer Ansicht daraus zu ziehen?

Kumiko Inui: Im Gegensatz zur Regierungspolitik findet in der Bevölkerung und auf der Ebene vieler Kommunalverwaltungen gerade ein fundamentaler Umbruch statt: Ein Grossteil der Japaner ist zutiefst verunsichert, wenn es um die weitere Nutzung von Kernkraft geht – und sie beginnen erstmals, dieses Unbehagen auch zu artikulieren, sich aktiv in die politischen Prozesse einzumischen und öffentlich gegen die Wiederaufbaupläne der Regierung zu protestieren. Das gab es in Japan noch nie. Insofern ist das, was wir seit eineinhalb Jahren erleben, so etwas wie die Stunde Null einer bürgerlichen Protestbewegung.

TI: Ein ähnliches Projekt eines „Home for all“-Gemeinschaftshauses hatten wir vor dem Tsunami bereits in der Provinz Kumamoto realisiert, weshalb die dortige Präfektur der von der Naturkatastrophe am schlimmsten betroffenen Gegend, der Provinz Miyagi, Gelder und Baumaterial für den Wiederaufbau zur Verfügung stellte, und seitdem im Rahmen einer Partnerschaft auf mehreren Ebenen mit ihr zusammenarbeitet – über 1.500 Kilometer Entfernung, direkt und ohne den bisher üblichen Umweg über Tokio. Für Japan könnte diese Kooperation ein Pilotprojekt sein, sich neu und anders als bisher zu vernetzen. Im konkreten Fall unseres Projekts in Miyagi war es so, dass uns die dortigen Behörden auf unsere Frage, wie wir helfen könnten, an Frau Sugawara verwiesen, die Sprecherin des lokalen Protests gegen die Wiederaufbaupläne der Regierung. Das ist insofern interessant, als dass es zeigt, wie sehr sich auf der Ebene der Betroffenen die Stimmung verändert hat.

JP: In der Einführung zu Ihrer Ausstellung thematisieren Sie das Aufeinandertreffen von Technologiegläubigkeit, Technokraten und top down-Prozessen auf der einen Seite und Selbsthilfeorganisationen, Grasswurzel-Bewegungen und bottom up-Prozessen auf der anderen Seite. Könnten Sie das noch etwas ausführen?

TI: Zuallererst geht es meiner Meinung nach darum, darüber nachzudenken, was zu tun ist, und wie es zu tun ist – und darum, diesen Abwägungs- und Entscheidungsprozess zu teilen, die Bürger daran zu beteiligen. Einzig von oben nach unten lassen sich solche Entscheidungen nicht mehr verordnen, das führt nur zu Protest und Widerspruch – Leute, die von irgendwo herkommen, um den Betroffenen zu erzählen, was sie wie zu tun und zu lassen haben,… das ist Unsinn.

Sou Fujimoto: Dafür ist unser „Home for all“-Projekt, glaube ich, ein gutes Beispiel: Wir nutzen es dafür, um mit den Betroffenen darüber zu diskutieren, was sie brauchen und was dafür zu tun ist. Erst nachdem Sie eine solche Diskussion geführt haben, können Sie im Rahmen von top down-Prozessen mit der Umsetzung beginnen.

Akihisa Hirata: Wir glauben, dass wir erst grundsätzlich klären müssen, was die Leute dort jetzt brauchen und haben wollen – sonst macht der technokratische Ansatz überhaupt keinen Sinn. Deshalb ist es jetzt auch nicht wichtig, etwas Grosses zu bauen, sondern es geht darum, die entstehende Bewegung zu unterstützen – erst dann können wir uns überlegen, wie wir das technisch bewerkstelligen…

JP: Ein weiterer Aspekt, der mir in Ihrer Ausstellung aufgefallen ist, ist die Betonung des community aspect, von Gemeinschaft und von Kommunikation. Könnten Sie das noch etwas vertiefen?

TI: In einer Region, die derart verwüstet wurde, ist alles zerstört. Aber auf der andern Seite geht es darum, dass dort eine neue Gemeinschaft entstehen kann, und unsere Aufgabe als Architekten ist es, dafür die für die jeweilige Situation passenden Orte zur Verfügung zu stellen – im Austausch mit engagierten Bürgern wie Frau Sagawara. Es geht also um Kommunikation und um einen Raum, der in der Lage ist, die Wünsche der Bewohner und ihre Erinnerungen an die Zeit vor der Katastrophe adäquat zu berücksichtigen und ihnen Ausdruck zu verleihen.

JP: Wie haben Sie das geschafft, sie in Architektur zu überführen?

TI: Unsere gegenwärtige Gesellschaft unterscheidet Leute, die Architektur denken, Leute, die Architektur machen und Leute, die Architektur benutzen. Meistens sind die Rollen streng voneinander getrennt – und auch die Erwartungen an Architektur sind nicht immer deckungsgleich. Dagegen war es bei unserem „Home for all“-Projekt so, dass alle drei Gruppen ‑ Architekten, Bauhandwerker und Nutzer ‑ von Anfang an an dem Prozess beteiligt waren und ihre Interessen sich weitgehend deckten. Das ist der entscheidende Unterschied, und auch wenn es sich dabei um ein sehr spezielles Projekt handelt, glaube ich, dass wir generell davon sehr viel ableiten können.

SF: Als wir Frau Sugawara zum ersten Mal trafen, zeigte sie uns die Notunterkünfte, in denen sie lebten, nachdem sie nach ein paar Wochen im Schulhaus, wo sich so etwas wie ein Gemeinschaftsleben, eine primitive community, entwickelt hatte, umgesiedelt worden waren – wir kannten also ihre Lebensbedingungen. Daraus entstand die Idee von „Home for all“, das hat uns sehr geholfen, uns zu überlegen, welche Art von Architektur für diesen Ort angemessen sein könnte. Auch wenn es uns als Architekten war es nicht so schwierig gewesen wäre, dem Anliegen eine entsprechende Form zu geben, haben wir unsere Ideen und Konzepte so lange diskutiert und gemeinsam weiterentwickelt, bis wir eine Übereinkunft erzielt hatten.

AH: Zum Beispiel ist so die Idee entstanden, die Zedernholzstämme als Stützen zu verwenden – anstatt sie ein weiteres Mal zu zerstören und sie zu Holzkohle zu verarbeiten: Die Gegend war vor dem Tsunami berühmt für ihre Zedernwälder, danach lagen die Bäume entwurzelt im Salzwasser und wären innerhalb kurzer Zeit verrottet. Als Stützen für unser „Home for all“ dagegen greifen sie die Geschichte des Orts und die Erinnerungen seiner Bewohner auf. Ebenso entschieden wir im Dialog mit Ihnen, das Gebäude so zu platzieren, dass es eine möglichst ungehinderte Aussicht auf die Bucht und die Umgebung bietet. Auch wenn eine so intensive Kommunikation sicher eine Ausnahme ist und auf die spezielle Situation zurückgeht, war sie gleichzeitig auch ein Weg, eine Möglichkeit, ehrlich und offen zu sein in Bezug auf das, was wir machen wollten.

JP: Was lässt sich aus diesen sehr speziellen Erfahrungen generell für das Bauen und die Architektur im Allgemeinen ableiten?

TI: Wenn Sie nur die reinen Baukosten betrachten, dann sind die Notunterkünfte, in denen die Menschen nach dem Tsunami untergebracht wurden, genauso teuer wie unser „Home for all“ – das heisst, sie könnten zu denselben Kosten Unterkünfte von erheblich höherer Qualität bauen.

Kaori Hirasawa: Lässt sich das auch auf den Wohnungsbau übertragen?

TI: Auch wenn sich unser Projekt hier insofern vom privaten Wohnungsbau unterscheidet, als dass es sich zu seiner Umgebung hin öffnet, mit ihr in Kontakt tritt und den Raum nach draussen verlängert. Das finden Sie im Wohnungsbau selten. Davon abgesehen ist vieles aus unserem Projekt auch auf den Wohnungsbau übertragbar: Die Antworten, die wir zum Thema Energieeffizienz geben, die Kommunikationsmöglichkeiten, die es bietet, …

KH: Weil das Stichwort gerade fiel – in Europa, vor allem in Deutschland und der Schweiz, sind die Themen graue Energie, Ressourceneffizienz, Nachhaltigkeit und Reduktion des Energieverbrauchs seit einigen Jahren sehr präsent: Wie sieht es damit in Japan aus?

TI: Vielleicht sind wir in Japan nicht ganz so für diese Themen sensibilisiert wie Sie es erwarten würden, aber ganz grundsätzlich unterscheidet sich unser Ansatz, Energie zu sparen, von dem In Europa vorherrschenden: Dort versucht man diese Ziele oft dadurch zu erreichen, indem man das Innere eines Gebäudes möglichst hermetisch von der Aussenwelt trennt und abschottet. Ich dagegen denke – und ich habe mich damit im Rahmen von zahlreichen Projekten beschäftigt –, dass es vorteilhafter ist, den Übergang von innen und aussen möglichst fliessend zu gestalten, um den Bewohnern den Kontakt zur Natur zu ermöglichen. Damit, glaube ich, kommen wir in Japan zu besseren Ergebnissen: Auch wenn wir, weil das Klima in Japan anders ist, nicht soviel Energie wie in Europa einsparen können, lässt sich auch damit der Energieverbrauch um die Hälfte senken – ohne dass wir dabei auf den Kontakt zur Natur verzichten müssten.

JP: Das ist die diametral entgegengesetzte Auffassung…

TI: Ja, aber die Trennung von innen und aussen entspricht einfach nicht unserer Lebensweise in Japan. Wir denken, dass ein fliessender Übergang zu höherer Lebensqualität führt, weil wir den Aussenraum als Teil der Wohnung wahrnehmen.

JP: Was können Europa und Japan voneinander lernen?

TI: Zuallererst müssen wir uns über die Unterschiede klar werden. Meiner Meinung nach ist unsere Beziehung zur Natur und zu unseren Mitmenschen ausschlaggebend – und die ist in Japan komplett anders als in Europa. Sich das bewusst zu machen ist wichtig, erst dann können wir sie neu überdenken und voneinander lernen.

JP: Vielen Dank für das Gespräch.