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Japan liefert „missing link“ der internationalen Architektur?!

Hannes Rössler, Architekt und Kurator, spricht über seine aktuelle Ausstellung zum japanischen Surrealisten Terunobu Fujimori in der Villa Stuck.

Das Museum Villa Stuck präsentiert die erste Ausstellung zum Werk des japanischen Architekturhistorikers und Architekten Terunobu Fujimori in Deutschland. In der bisher umfangreichsten Werkschau zu Fujimoris Arbeiten veranschaulichen Modelle, Zeichnungen, Materialtafeln, Architekturpläne und Fotografien seine ganzheitliche Herangehensweise an den menschlichen (Lebens-)Raum.

Silvia Pöhlsen: Herr Rössler, wie sind Sie auf Terunobu Fujimori als japanischen Ausnahmearchitekten aufmerksam geworden?

Hannes Rössler:
 Ich beschäftige mich seit längerer Zeit ganz intensiv mit Japan. Seit einigen Jahren betreue ich verschiedene japanische Ausstellungen und Architekturprojekte. Irgendwann merkt man jedoch, dass etwas fehlt. Fujimori ist das „missing link“, er ist die fehlende Figur in der japanischen Architekturszene. Er hat einen enormen Einfluss, und erst wenn man ihn gesehen hat, versteht man im Grunde das ganze japanische Programm.

Haben Sie Fujimori in Japan kennen gelernt?

Nein, ich habe ihn über Sakamoto, der bei der Werkbundsiedlung erstmals einen Preis hier in München gewonnen hat – es war ja ein sehr umstrittenes Projekt – kennen gelernt. Sakamoto und Fujimori sind gut miteinander befreundet. Fujimoris Werk ist so erstaunlich und atypisch für das, was wir von Japan erwarten. Wir denken ja alle an Itos oder Sejimas... Der andere Teil Japans, den man aber nicht vergessen darf, wenn man dieses Land verstehen möchte, wird durch Fujimori dargestellt.

Worin, denken Sie, liegt der Reiz jemanden wie Ihn in eine europäische Großstadt wie München zu bringen?

Insbesondere nach München... Ich denke, dass zwischen Ihm und seinem Werk eine spezifische Beziehung zwischen seiner und der Kultur Münchens besteht. Vielleicht die Beschäftigung mit organischer Architektur – ohne dass ich jetzt auf die ökologische Variante eingehen würde – man könnte bei München auch von der Stadt des Jugendstils sprechen. Fujimori ist meines Erachtens jemand, der uns zeigen kann, wie es in der Gegenwart weiter gehen könnte.

Das heißt, es geht um die Neuaufnahme dieses ideologischen Ansatzes des vergangenen Jahrhunderts?

Da würde er sich erheblich dagegen verwehren... Aber es ist eine Auseinandersetzung oder eine Analogie, eine Art Anregung der Wiederaufnahme von Ideen, die vielleicht damals stattgefunden haben.


Hat sich Fujimori zu der Villa Stuck geäußert?

Ja sehr! Er war fasziniert, weil auch Franz von Stuck diese interessante Mischung von Archaik und Moderne anwendete. Fujimori spricht ja in seinem Werk immer davon, dass er Technik in Natur einwickele; bei Franz von Stuck finden wir Ähnliches. Zur Zeit der Entstehung der Villa war es eines der technisch avanciertesten Häuser seiner Zeit. Das erste Haus in der Gegend mit elektrischem Licht. Gleichzeitig greift Stuck in seiner Bildersprache und in seinen zeittypischen Zitaten des späten Historismus auf die frühe, archaische Antike zurück. Er zeigt uns nicht die Säulen des Pantheon sondern jene aus Kreta. Er verbindet also extrem Altes mit extrem modernen Techniken und Materialien. Das findet Fujimori sehr interessant und zeigt diesen Ansatz auch in seinen eigenen Werken.

Sprechen wir noch einmal detaillierter über die Materialien. Das Teehaus, das Fujimori im Garten der Villa Stuck aufgebaut hat, hat sich auch an der regionalen, bayerischen Baukultur orientiert...

Ja, das ist ein ganz wesentlicher Faktor seines architektonischen Werkes. Es ist stark in der Lokalität verankert, es wurden beispielsweise Bäume aus dem Münchner Stadtforst für das „Walking Café“ gefällt – Fujimori kam extra aus Tokio um die Bäume auszuwählen. Die Leiter, die Füße, die wesentlichen Massivholzbauteile dieses Teehauses sind mit örtlichen Materialien und Techniken hergestellt. Die Außenbekleidung dieses Hauses ist jedoch mit einer völlig neuartigen Schindeltechnik verkleidet. Sie ist daraus entstanden, dass diese ovale, organische Form des „Walking-Café“ selbst für Schindel-Experten aus dem Berchtesgadener Land eine Herausforderung darstellte. Daraufhin hat Fujimori diese alternierende Technik Schindel-Kupfer-Schindel-Kupfer verwendet und dadurch ganz neue Möglichkeiten in Bezug auf die Form gefunden. Er knüllt das Kupfer und überlagert diese Schichten mit Schindeln, so bekommt er eine dichte Haut und formt somit die traditionelle bayerische Schindeltechnik zu einer neuen Form um.

Dieses Objekt nennt sich „Walking Café“, obwohl es sich an der Form eines Teehauses orientiert. Hat das auch mit der örtlichen Anpassung zu tun?

Fujimori ist ein sehr gesprächiger Mensch, er teilt seine Ideen sehr gern mit und ist sehr humorvoll. Anfänglich wollte er ein Teehaus machen, so war auch der Auftrag. Irgendwann erzählte er immer wieder die Geschichte, wie er nach München kam und mit den Leuten über sein Teehaus gesprochen hat. Währenddessen bemerkte er „die trinken hier gar keinen Tee“ – zumindest nicht in dem Ausmaß, wie es in Japan üblich ist. Eine Teezeremonie ist ein kommunikativer Raum, den es hier, in der Form, gar nicht gibt. Auf Nachfrage hat er festgestellt, dass wir gerne Bier trinken. Sein Haus schien ihm aber zu eng für diesen Konsum. Er hat sich dann für das zweitliebste Getränk, nämlich Kaffee entschieden. So wurde das Teehaus zu einem Café-Haus. Auch ein Café-Haus ist ein Ort des Philosophierens, des Entspannens, des Genießens.

Die Form dieses Café-Hauses ist ja ziemlich ungewöhnlich, es erinnert an eine Art Trojanisches Pferd, ein UFO oder irgendetwas lebendiges. Fujimoris Architektur wird auch mit „surreal" tituliert. Können Sie uns den Hintergrund erklären?

Ich denke, dass dieser Begriff sehr gut zutrifft. Aber nicht so, wie man ihn kunsthistorisch verstehen würde –  René Magritte oder Salvador Dalí. Damit machen wir eigentlich eine Schublade auf, die vielleicht nicht direkt auf sein Werk passt. Wenn ich aber sage, der Surrealismus ist eigentlich eine künstlerische Bewegung, die über eine Realität über der Realität spricht, eine andere, eine parallele Realität. Ein Mehr, ein Hinübergehen – dann trifft es sehr stark zu. Das verbindet Ihn mit seinem Künstlerfreunden Hayao Miyazaki, einem berühmten Trickfilm-Produzenten. Ich denke, die Werke beider zeigen uns Parallelwelten durch bestimmte Raumsituationen. Im Falle des „Walking Café“ gelangt man über eine Leiter in einen anderen Raum, verlässt die gewohnte Umgebung, steigt hoch auf fünf Meter, muss sich durch eine enge Öffnung begeben und ist dann in einer Raumkapsel, in einer schwebenden Höhle, die eine ganz andere Welt vermittelt. Man bekommt Distanz, Reflektion, Stille und vielleicht auch eine andere Art von Freiheit von den Zwängen und Ursachen des Alltags. Diese Parallelwelt ist in der Tat surreal. Sie findet sich auch bei Miyazaki oder und in Haruki Murakamis Büchern wieder. Diese Idee ist ganz spezifisch japanisch.

Abschließend zurück in die Realität und zur Bedeutung dieser Architektursprache, insbesondere für die junge Architekturszene Japans. Wird das "Walking Café", wie es ursprünglich geplant war, auch noch vor der TU stehen und damit näher an die Architekturstudenten Münchens rücken?

Fujimoris Architektur hat in der Tat eine herausragende Bedeutung für die junge Architektengeneration Japans, insbesondere auch für Innenarchitekten, z.B. Bow-Wow beziehen sich explizit auf Fujimori. Es besteht ein ganz großes Potenzial für Fujimoris Architektur in der Gegenwart und Zukunft, natürlich nicht in der 1:1 Übertragung seiner Ideen sondern im Hinblick auf Gedankenanstöße. Wir geben uns große Mühe, das „Walking Café“ durch die Stadt wandern zu lassen, z.B. an den St. Jakobs-Platz, als Gesprächsraum für Architektur, vielleicht auch nur für einen Abend...

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Ausstellung zu Terunobu Fujimori in der Villa Stuck...