Zeitgenössische Architektur, Design und Kunst in Bayern

 
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31. Oktober 2017

Der Siegerentwurf für das künftige Konzerthaus im Werksviertel steht fest. Die Münchner sind skeptisch. Sie haben ihren eigenen Favoriten. Ein Besuch der Wettbewerbs-Ausstellung.

Da weiß man ja gar nicht wo was ist", echauffiert sich ein Mann vor der Stellwand des Büros 3XN AS aus Kopenhagen. „Wie am Münchner Flughafen, da wäre ich ohne meine Frau auch verloren." Mit dieser Ansicht steht er allerdings ziemlich allein da. Die meisten Ausstellungsbesucher in der whiteBox im Werk3 haben die Präsentation dreier boxförmiger Baukörper, über die sich die Fassade wie ein leichtes Sommerkleid mit Plisséefalten legt, zu ihrem Favoriten erkoren wie ein Blick ins Gästebuch zeigt. Am Eingang wird das „Röckchen", so der jury-interne Spitzname des Entwurfs, gelüftet. Darunter kommt eine imposante Freitreppe zum Vorschein, einladend und repräsentativ. Elegant sieht das aus und kein bisschen klotzig wie so oft in dieser Stadt. Die Münchner haben sich für ein Konzerthaus mit einem eigenwilligen architektonischen Ausdruck entschieden.

Die umstrittene Jury aus 25 stimmberechtigten Sach- und Fachpreisrichtern sah das anders. Sie beschied dem „Röckchen" unter 31 Entwürfen Platz 4 und wählte auf Rang 1 einen Beitrag, der auf den Social Media Kanälen verächtlich mit „Schneewittchensarg", „Seehofers Gewächshaus" oder „transparenter Klangspeicher" betitelt wird. Es lässt sich diskutieren, ob das dem Vorschlag der Vorarlberger Architekten Cukrowicz Nachbaur gerecht wird. Sie haben auf die 3.500 Quadratmeter im Zentrum des Werksviertels eine glatte, 45 Meter hohe Glashaube gesetzt, unter der ein Konzertsaal für 1.800 Zuhörer, ein Kammermusiksaal mit 600 Plätzen, die Foyers und Probenräume, Restaurants und Tiefgaragen sowie Räume für die Hochschule für Musik und Theater aufgestapelt sind. Zugegeben, der Entwurf sieht trotz seiner in dieser Dimension etwas fremdartig anmutenden Kubatur auf den ersten Blick so schmalspurmäßig aus wie die meiste Investorenarchitektur in der bayerischen Landeshauptstadt. Vielleicht erklärt das die allergischen Reaktionen der Münchner. Und doch, anders als bei vielen der eingereichten Vorschläge, die sich einzig auf sich selbst konzentrieren, nimmt die „Glashaube" geschickt Bezug zur umliegenden Gewerbehallen-Architektur des Werksviertels. Sie gibt mit ihrer eigenständigen Form einen ebenso schlichten wie starken Kontrapunkt. Spannend könnte auch die Inszenierung der Geschossdecken, Saalkubaturen und Erschließungswege werden, die von außen sichtbar bleiben. Spektakulär wäre sicherlich das falsche Wort, aber mit „selbstbewusst" darf man den Siegerentwurf schon bezeichnen.

Die Qualitäten der „Glashaube" - u.a. die Verteilung des ehrgeizigen Raumprogramms im Inneren und der für Akustiker gut in Klangqualität umzusetzende große Saal - scheinen allerdings nicht beim Publikum anzukommen. „Langweilig" murmeln die Ausstellungsbesucher immer wieder vor der Stellwand des Wettbewerb-Siegers. Vielleicht könnten sie sich erwärmen, wenn die Präsentation etwas ansprechender wäre. Mehr Farbe auf den Plänen, großformatige Perspektiven, Detailausschnitte als Eyecatcher – einfach plakativer und daher für den Laien besser verständlich. „Spannender ist es unten", sagt eine Ausstellungsbesucherin. Ein Stockwerk tiefer hängen die Einreichungen, die im 1. und 2. Rundgang aussortiert wurden – darunter Snøhetta sowie Herzog & De Meuron, die jeweils mit gigantischen Glasstrukturen in Form eines Satteldachs angetreten waren.

Tatsächlich stehen dort genauso viele Leute, wenn nicht noch mehr, vor den Stellwänden wie bei den platzierten Entwürfen und den Anerkennungen. Hier gibt es sie, die spektakulären Entwürfe, die sich in ihrer Plastizität sofort erschließen: das Ufo, das Vogelnest, das Bergwerk, der blaue Kristall, das goldene Schmuckkästchen. Meili, Peter Architekten haben ihre Präsentation gleich wie ein Comic-Panel aufgezogen. Das macht Lust auf Architektur, da vertieft man sich gerne in die Projekte, lässt sich schnell in Diskussionen verwickeln. Und das ist es ja, woran es in München so oft hapert: eine Streitkultur über Baukultur. Dann würden vielleicht auch mal wieder Architekturvisionen statt Pragmatismus ihren Weg in die Realität finden.

Ausstellung der Modell und Pläne aller 31 Wettbewerbsarbeiten noch bis 26. November 2017 in der whiteBOX im Werk3, Atelierstraße 18 im Werksviertel, geöffnet täglich 10.00 bis 18.00 Uhr.

Preisträger
1. Platz: Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH, Bregenz
2. Platz: PFP Planungs GmbH, Hamburg
3. Platz: David Chipperfield Architects Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin
4. Platz: 3XN A/S, Kopenhagen
5. Platz: Staab Architekten GmbH, Berlin

Anerkennungen
– Henning Larsen Architects, Kopenhagen/München
– Zaha Hadid Architects, London
– Mecanoo, Delft
– Christ & Gantenbein, Basel

Weitere Infos zum Konzerthaus und den Ergebnissen des Architekturwettbewerbs in unserem Pressespiegel.

Ein Beitrag von

Gabriela Beck

Als ausgebildete Architektin (ETH Zürich & TU München) schreibe ich seit 2000 über Architektur, Städtebau und Design. Als Journalistin interessiere ich mich insbesondere für Hotelbau, die Infrastruktur von Megacities und wie gebaute Umwelt die Gesellschaft beeinflusst.

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