Zeitgenössische Architektur, Design und Kunst in Bayern

 
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Grandhotel Giessbach

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21. September 2017

Schweiz – Brienz | Vom einfachen Schutzhaus am Fuß der imposanten Giessbach-Wasserfälle zum Märchenschloss der High Society. Ein kulturhistorisches Denkmal.

Das historische Grandhotel Giessbach wurde 1873/74 durch den namhaftesten Hotelbauer jener Epoche erbaut, den französischen Architekten Horace Edouard Davinet. Auftraggeber war die bekannte Hotelierfamilie Hauser aus Zürich. Ein Palast-Hotel sollte am Fuß der berühmten Giessbach-Fälle entstehen. Fünfstöckig, mit Turmkuppeln „à la Louvre" und schwungvoller Freitreppe öffnete es 1875 seine Tore. 1879 wurde die Standseilbahn zugefügt – heute die älteste noch betriebene der Schweiz. Hohe Fürstlichkeiten aus Russland, Indien, Afrika und Europa bildeten die Kundschaft, zusammen mit Frankfurter Finanz- und Börsenmagnaten, Industriellen und Grossgrundbesitzern aus Polen, Ungarn und dem Balkan.

1883 zerstörte ein Grossfeuer die oberen Stockwerke. Im Nu wurde das Hotel unter der Leitung Davinets wieder aufgebaut – diesmal statt im Louvre-Stil im „Schweizer Holz-Stil" mit Spitztürmchen und mit einer anderen Dachgestaltung. Das neue Giessbach-Grandhotel bot dem verwöhnten Gast alles, was dieser begehren konnte: moderne Beleuchtung, Wasserklosetts, Badekabinette, Pavillons, eine gedeckte „Wandelbahn", täglich drei Konzerte, Ruderboote, Anglergeräte, Tennis und Krocket für den sportlichen Gast, ferner eine Dunkelkammer für Hobby-Fotografen.

Bis zum Kriegsausbruch von 1914 war das Grandhotel Giessbach Treffpunkt der großen Welt. Jedoch, zwei Weltkriege sowie ein verändertes Tourismusverständnis ließen Glanz und Ruhm des Giessbach verblassen. Nach jahrelangem Niedergang schloss das Hotel 1979 seine Pforten. Es bestanden Pläne, die ganze Anlage abzureißen und an deren Stelle ein modernes Betongebäude im Stil eines „Jumbo-Chalets" zu errichten.

Glücklicherweise gelang es dem Schweizer Umweltschützer Franz Weber 1983 das Anwesen zu kaufen und unter Denkmalschutz zu stellen. Im Juni 1984 eröffnete das Haus mit einem neuen Restaurant und einer kleinen Anzahl noch unrenovierter Zimmer. In sieben Umbauetappen wurde das Hotel Stockwerk um Stockwerk von Grund auf renoviert.

In einem ersten Bauschritt konnten das Restaurant und die Küche erneuert werden, die weiteren Renovationsetappen folgten jeweils während der Schließungszeit von Ende Oktober bis Mitte April. Auf diese Weise gelang es, das ganze Hotel im ursprünglichen Davinet-Stil vollständig wieder herzustellen. Die prachtvolle Eingangshalle, die Rezeption mit Bar und Cheminée, sowie der große Speisesaal erhielten durch Entfernen hässlicher Einbauten aus den 1940er Jahren und mit den von italienischen Spezialisten restaurierten Stukkaturen ihre einstige großzügige Form und festlich stilvolle Atmosphäre zurück. Sämtliche Zimmer wurden mit Bad/Dusche und WC in ästhetisch einwandfreier Form ausgestattet. Der in den 1940er Jahren eingebaute Lift verschwand aus dem elegant konzipierten Treppenaufgang und wurde unsichtbar nach seitwärts „verschoben". Der Dachstock erhielt mit den historischen Lukarnen und verzierten Giebeln sein ursprüngliches Aussehen von 1883 zurück.

Wegen der vorbildlichen Renovierung der Originalsubstanz wurde das Hotel zum Historischen Hotel des Jahres 2004 (ICOMOS) gewählt. Seit 2010 wurden kontinuierlich die Fassade saniert, der Wintergarten neu gestaltet, die Küche umgebaut, das Kurhaus ausgebaut und die Zimmer renoviert, insbesondere die Bäder. Auch in 2015 wurde das Hotel ausgezeichnet: mit dem Preis "Best Countryside Historic Hotel" (HISTORIC HOTELS of EUROPE).

Gabriela Beck war für muenchenarchitektur vor Ort:
Ich sitze auf dem Balkon meines Zimmers und habe das donnernde Rauschen der Giessbach-Fälle im Ohr. Ein kühler Luftschwall wallt hin und wieder von den nahen Wassermassen herüber. Vor geraumer Zeit wurde die Beleuchtung abgestellt, sodass man die 14 Kaskaden jetzt, in der Nacht, nur noch als undeutliches weißes Band vor der dunklen Felswand wahrnehmen kann. Fledermäuse umschwirren die Wipfel der Nadelbäume, die sich wie ein schwarzer Scherenschnitt vor dem sternengesprenkelten Himmel abheben. Und da fällt doch tatsächlich eine Sternschnuppe herab. Ich glaub, ich träume.

Dabei wähne ich mich schon seit meiner Ankunft in einer anderen Welt, oder zumindest auf Zeitreise. Im Grandhotel Giessbach könnte man direkt eine Neuauflage der Sissi-Filme drehen. Säle und Salons mit Stuck, Kronleuchter, Seidentapeten, dicke Teppichböden, Bilder und Spiegel in schweren Goldrahmen. Die Zimmer sind mit Originalen oder mit restaurierten Möbeln aus der Jahrhundertwende eingerichtet, die Freunde des Hauses oder begeisterte Gäste zur Verfügung stellen. Vera Weber, Tochter des „Hotelretters" Franz Weber, wählt sie gewissenhaft aus und stellt sie liebevoll neu zusammen. Auf diese Weise besitzt jedes Zimmer seinen eigenen, ganz individuellen Charme.

Wandertipp: Von der Axalp auf dem Schnitzlerweg zum lieblichen Hinterburgseeli und über Chrutmettli als Rundweg zurück. Über hundert handgeschnitzte Figuren entlang des Weges. Panoramablick über den Brienzersee und die gegenüberliegende Bergkette. Dauer ca. 2,5 Stunden.

Ein Beitrag von

Gabriela Beck

Als ausgebildete Architektin (ETH Zürich & TU München) schreibe ich seit 2000 über Architektur, Städtebau und Design. Als Journalistin interessiere ich mich insbesondere für Hotelbau, die Infrastruktur von Megacities und wie gebaute Umwelt die Gesellschaft beeinflusst.

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