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100 Plätze in München

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22. Juni 2017

Letzten Dienstag hat sich Stadtbaurätin Merk mit Landschaftsarchitektin Regine Keller über Stadtbaukultur im öffentlichen Raum unterhalten. Ein Auszug des Gesprächs.

Das Gespräch fand am Dienstag, 20. Juni im Rahmen der „Münchner Gespräche zur Stadtbaukultur" im Jüdischen Museum statt. Regine Keller ist Professorin am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und öffentlicher Raum der TU München.

Merk: Frau Keller, Ihre aktuelle Forschungsarbeit beschäftigt sich mit Plätzen in München. Ist das nötig? Andere Städte beneiden München um seine vielen schönen Plätze.

Keller: Viele Fragestellungen sind in der täglichen Arbeit durch Pragmatismen abgedeckt. Innerhalb Forschungsprojekten kann man den Finger in die Wunde legen, was innerhalb eines Planungsauftrags nicht möglich ist. Aber wenn ich Kritik am öffentlichen Raum hege – zum Beispiel an verkehrsbelasteten Stellen – muss ich ja erstmal untersuchen, wie ich ihn verbessern kann, sodass er in immer dichter werdenden Städten Qualität behält. Wir analysieren dabei in Zusammenarbeit mit Soziologen insbesondere das Nutzerverhalten. Fühlen sich die Menschen wohl? Wie reagieren sie auf das Vorgefundene? Daraus können wir Rückschlüsse auf die erforderliche Gestaltung von öffentlichen Plätzen ziehen, um eine lebenswerte Umwelt zu generieren.

Merk: Wo würden Sie denn ansetzen? Ich habe ja ständig ein schlechtes Gewissen, zum Beispiel in Bezug auf den Max Josefs Platz, wo es ja vor etwa einem Jahr eine tolle Ausstellung mit Arbeiten Ihrer Studenten gab. Das sieht ja so aus, als ob da nichts voranginge.

Keller: Die Problematik liegt tatsächlich darin, dass der Bürger häufig nicht mitbekommt, was da hinter den Kulissen passiert. Dass zum Beispiel die Referate als Reaktion auf die Ausstellung beauftragt wurden, bestimmte Untersuchungen zu machen. Ansonsten denke ich, dass die Verkehrsproblematik sicherlich eine der drängendsten Fragestellungen bildet. Viele Plätze können überhaupt erst wieder genutzt werden, wenn sie verkehrsberuhigt oder – befreit sind.

Merk: Es gibt da zum Beispiel ein Bild vom Stachus aus den 1950er Jahren. Das könnte auch Verkehrschaos in Neu-Delhi sein, wenn man nicht so genau hinschaut... Man erschrickt, dass man das jemals für vernünftig gehalten hat. Andererseits ist es extrem schwierig, diese großen Tiefgaragen der Vergangenheit, die im Herzen der Altstadt angelegt wurden, zu verlagern oder so zu gestalten, dass sie verträglicher sind. Das ist ja genau das Problem am Max Josefs Platz. Seit zehn Jahren suchen wir da nach einer guten Strategie. Und man kann ja nicht einfach irgendwas machen.

Keller: Aber warum machen Sie nicht einfach mal?

Merk: Weil uns die Tiefgarage nicht gehört. Die Eigentümerschaften sind oft ein Problem. Dann möchte die Politik die Tiefgarage gerne behalten. Und auch die Denkmalpflege muss mit einbezogen werden. Dann kommen Ansprüche der Nutzer: die Radeltrasse soll über den Platz gehen, die Freischankflächen sollen bitte gerne noch drei Reihen mehr bekommen, die Taxen wollen möglichst direkt vor der Oper halten, die Busse braucht man eigentlich auch... Wenn ich das alles auf diese Fläche packe, dann kann ich da gar nichts mehr. Privilegien setzen fällt uns als Fachplaner aber auch der Politik da schon sehr schwer.

Keller: Und warum schaffen das andere Städte? Die Innenstadt von Rom zum Beispiel ist seit Jahren verkehrsfrei mit begrenzter Zufahrt für Anlieferverkehr.

Merk: Ich habe ja viele Jahre in Italien gelebt und ich glaube, da ist der Leidensdruck so hoch gewesen, dass da an vielen Stellen diktatorisch gehandelt werden musste. Da stehen dann Polizisten und kontrollieren, dass niemand rein fährt. Das wäre uns sehr fremd – zu Recht. Ich erinnere mich dagegen an viele Bürgerversammlungen, in denen der Verkehr zwar angemahnt wird, aber wo man bei konkreten Projekten eher um Stellplätze und die eigene Freiheit kämpft. Darüber hinaus werden wir in den nächsten zehn Jahren – auch aufgrund des Baus der zweiten Stammstrecke und des Umbaus des Hauptbahnhofs – wahnsinnig viel Baustellenverkehr in der Altstadt haben.

Keller: ich bin heute die Herzog Wilhelm Straße entlanggeradelt und musste mit Entsetzen feststellen, dass der ganze Sendlinger Tor-Platz von einem Containerdorf aufgrund des U-Bahn Baus besetzt war. Die öffentlichen Räume sind anscheinend die einzigen Orte, auf denen die Logistik des Baubooms unserer Stadt abgewickelt werden kann.

Merk: Ich glaube das liegt auch daran, dass dies Räume sind, die noch keine richtige Qualität haben – da ist halt sonst nichts drauf.

Keller: Ein Ziel unserer Untersuchung der 100 Plätze in München zielt auch darauf ab, Orte herauszufiltern, die Platzpotenzial haben – wie zum Beispiel die Ecke Lerchenauer-/Schleißheimerstraße. Eine riesige Verkehrskreuzung, an der die Trambahnhaltestelle ist. Da gibt es ungestaltete Restflächen, die für die Bewohner in dem relativ dicht bebauten Wohnquartier durchaus Platzqualität haben könnten.

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Merk: Ich bin ja eine Befürworterin des Genossenschafts-Modell. Da möchte ich auch mal den Begriff „Freiraumgenossenschaft" in den Raum werfen.

Keller: Das wäre natürlich schön, wenn man Verhinderungstendenzen gegenüber einem Bauvorhaben, wie wir sie häufig in Bürgerversammlungen vorfinden, in ein Engagement für den Freiraum umwandeln könnte. In Japan gibt es solche privaten Initiativen.

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Keller: Wir untersuchen in unserem Plätze-Projekt auch, welche Erwartungshaltung wir an Plätze haben. Wir gehen bei Betrachtungen von städtischen Freiräumen stark von dem Ökosystem „Dienstleistung" aus: Der Freiraum da draußen mit dem Baum und dem bisschen Wasser soll Luftfeuchtigkeit spenden, Sauerstoff erzeugen, Schatten spenden. Was in Argumentationen häufig viel zu kurz kommt, ist die kulturelle Serviceleistung, die kulturelle Vielfalt, das kommerzfreie Zusammentreffen von Gruppen. Das bringt uns zu der Frage: Welche Art von Kultur, von Ideologie, von Politik soll im öffentlichen Raum stattfinden? Wenn wir uns diese Steuerung aus der Hand nehmen lassen, müssen wir uns nicht wundern, dass uns der Freiraum da draußen fremd geworden ist. Welches Substrat müssen wir also bieten, damit die Gesellschaft im besten Fall friedlich zusammenleben kann? Wieviel offene Räume braucht es, in denen der Bürger selbst aktiv werden kann? Das Problem: in Verhandlungsverfahren um Bauleitplanung öffentlicher Räume zählen Fakten wie Lärm, Verkehr, Ökologie, aber dieser kulturelle Wert wird nicht adäquat gewürdigt.

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Regine Keller war nach dem Studium der Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie dem Studium der Landespflege an der Technischen Universität München wissenschaftliche Assistentin am TUM-Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und Entwerfen. Vor ihrer Tätigkeit als Ordinaria an der TUM lehrte sie an der FH München. Ihr Lehrstuhl ist auf Fragestellungen der aktuellen Landschaftsarchitektur und der Entwicklung von öffentlichen Räumen fokussiert. Dabei sucht sie nach landschaftsarchitektonischen Lösungen, die den heutigen Ansprüchen in der Stadt, aber auch im ländlichen Raum entsprechen. Im Zentrum der Konzeption urbaner Räume steht die Lebensqualität des Menschen.

Ein Beitrag von

Gabriela Beck

Als ausgebildete Architektin (ETH Zürich & TU München) schreibe ich seit 2000 über Architektur, Städtebau und Design. Als Journalistin interessiere ich mich insbesondere für Hotelbau, die Infrastruktur von Megacities und wie gebaute Umwelt die Gesellschaft beeinflusst.

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