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Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt

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28. November 2012

Wie München einen Musterdurchbruch für die Kreativ-Wirtschaft schaffen möchte... Ein Rückblick von Silvia Pöhlsen

Die Internationale Bauausstellung tourt durch Deutschland, bevor sie offiziell im März 2013 in Hamburg eröffnet wird. Die IBA Lounge fungiert als Dialog, um mit jeweils vor Ort ansässigen Experten die Ziele, die baulichen, sozialen und kulturellen Projekte und Ergebnisse der IBA Hamburg zu diskutieren. Über die vergangenen sieben Jahre wurde für die Internationale Bauausstellung die komplette Struktur des Stadtteils Wilhelmsburg verändert.

Am 8. November 2012 war die IBA also zu Gast in München, um auch hier das Bewusstsein für die Arbeit dieser Institution zu fördern und um gleichzeitig über die hiesige Kreativ-Wirtschaft mit hochrangigen Gästen

- Jürgen Enninger | Kompetenzzentrum Kultur- & Kreativwirtschaft des Bundes, München
- Gerti Theis| IBA Hamburg
- Prof. Elisabeth Merk | Stadtbaurätin der Landeshauptstadt München
- Prof. Klaus Overmeyer | Studio Urban Catalyst, Berlin
- Micha Purucker | Tänzer und Choreograph, München

zu diskutieren. Das Gespräch leitete Barbara Knopf vom Bayerischen Rundfunk. Der Ort für die Debatte: das Pathos. Ein prototypischer Raum der Szene: Alte Werkhalle, Theater, kreative Kultur, Party.

Die Brücke von Hamburg nach München zu schlagen ist nicht einfach: In Hamburg wird im Rahmen der IBA die zweitgrößte Flussinsel der Welt (nach Manhatten) komplett umstrukturiert. Eine Fläche von 35 km², die theoretisch dem physischen Untergang geweiht ist (Meeresspiegel-Anstieg, erhöhte Sturmflut-Gefahr), soll ein moderner, hoch innovativer und kreativer Stadtteil werden. Klimaneutral, autark, grün.

Der Begriff Kreativ-Milieu darf hier nicht missverstanden werden. An hippen Agenturen, Gentrification- und Hipster-Happenings hat hier niemand Interesse. Es geht vielmehr um ein sehr bürgernahes und soziales „Kreativ-Konzept“, das auf die strukturellen und sozialen Probleme dieses Stadtteils eingeht. Die Bevölkerung, bestehend aus über 100 Nationen, wird dabei gezielt in die Projekte integriert. Ab sofort wird gebastelt, genäht und gegärtnert, um so gegen hohe Kriminalitäts- und Arbeitslosenzahlen anzukämpfen. Doch wie werden diese „weichen“ Faktoren ganz konkret umgepolt? Durch die „harten“, nämlich den Raum und die Architektur. Fast wie vom Reißbrett wirkt dieses neue Quartier, das von nun an den kreativen Bedürfnissen, die auch in einer sozial schwachen Bevölkerung bestehen, gerecht werden soll. Ein Experiment, das komplizierter ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Denn was, wenn die Altlasten des Veringkanals so enorm sind, dass man zwar gerne mit Kanus herum schippern kann, aber nicht darin schwimmen sollte, und die Investoren auf Grund der Lage, den Prognosen, der Bevölkerungsstruktur kritisch gestimmt sind, und die Heterogenität des Stadtteils Fragen aufkommen lässt...?

Das Mammut-Projekt IBA Hamburg ist zu komplex um es an dieser Stelle weiter auszuführen. Es ist nicht vergleichbar mit der Debatte um das Kreativ-Milieu, die in unserer Landeshauptstadt besteht; hier ist von einer anderen Zielgruppe die Rede. Im Kreativ-Quartier Dachauerstraße leben Menschen, die sich bewusst für diesen Lebensstil entschieden haben – Künstler, Musiker, Studenten, Schauspieler usw. Diese haben bestimmte Ansprüche an „ihren Raum“, um sich dort zu entfalten. Die Traumdomizile von Kreativen: große Flächen, am besten umsonst. Alte Fabrikgelände, Brachen, Abbruchhäuser. München besitzt diese begehrten Flächen bekanntermaßen so gut wie gar nicht. Doch das Problem ist viel tiefgreifender...

Overmeyer bemerkt, dass spätestens seit Richard Floridas „Creative City“ das Kreativ-Milieu als ein fester und wichtiger Bestandteil der wirtschaftlichen Dynamik einer Stadt geworden ist und somit hochinteressant für eine Stadt wie München. Bis vor wenigen Jahren wurde dieses Bevölkerungsgruppe nur beobachtet und für wenig ernst genommen. Inzwischen bekommen Stadtplaner den Auftrag, „Kreativ-Quartiere“ zu planen, da ihr positiver Effekt auf die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen nicht mehr abzustreiten ist. So absurd es klingt – Raumforscher arbeiten auf Hochtouren für die Städte, sie analysieren sie und versuchen sie zu entschlüsseln. Auch Klaus Overmeyer ist in diesem Bereich tätig. Er hat sich in der Meteorologie umgeschaut und Wetterkarten auf Stadtbezirke übertragen...

Auch in München wird unter viel Einsatz an den Räumen für Kreative geforscht. Es ist bloß so, dass es diese Orte noch nicht vollends entschlüsselt wurden und somit neben den drei Variablen Raum, Nutzung und Zeit noch eine große Unbekannte: der Mensch besteht. Dieser „kreative Mensch“ hat ein sensibles und empfindliches Wesen. Er fühlt sich schnell ausgeschlossen, ungewollt und missverstanden. Da hilft kein guter Wille (Elisabeth Merk lädt diese Kreativen ausdrücklich nach München ein, Sie verspricht Ihnen Sicherheit, Anerkennung und Raum). Doch noch besteht ein handfestes Kommunikationsproblem, denn bisher kommt den Kreativen München „hermetisch“ vor (Micha Purucker, Tänzer und Choreograph, der in dieser Veranstaltung für die Szene steht, von der übrigens kaum jemand gekommen ist). Purucker spricht auch von „Ritzen“, die die Kreativen suchen. Doch „hier in München kommt man nirgendwo rein", und viel schlimmer: Es scheint in der breiten Bevölkerung der Stadt eine „Angst“ vor diesem Milieu zu bestehen. Diese Urangst vor dem Unbekannten, der Aktion, der Irritation ist in dieser fast vom „Kontrollwahn“ erfassten Stadt besonders stark ausgeprägt.

Elisabeth Merk protestiert: München ist offen für die Kreativen. Vielleicht ginge es ihnen hier sogar besser als woanders – denn in München stünden entsprechende (finanzielle) Mittel bereit. So lassen sich die Kreativen, die meist ganz andere Wertvorstellungen haben, bestimmt nicht locken, auch wenn Enninger, der als „Wirtschafts“-Berater für diese Bevölkerungsgruppen fungiert, sicherlich ganze Arbeit leistet.

Nein. Die Sache ist komplex: München sucht noch nach einem „Musterdurchbruch“, um die beiden Welten Stadtpolitik und Kreativ-Milieu zusammenzubringen. Merk sucht nach Verbündeten. Also liebe Künstler: Habt keine Angst vor dem hermetischen München. Gebt nicht auf, nach den „Ritzen“ zu suchen, auch München wird langsam porös (wie Purucker prophezeit) und vom globalen und gesellschaftlichen Wandel der Republik nicht verschont bleiben.

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