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Interview

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26. November 2014

Die Inhaberin des mit etlichen Preisen dotierten Hotels Tannerhof in Bayrischzell erzählt von dem wagemutigen Unterfangen des umfangreichen Um- und Neubaus ihres Traditionshotels durch den Architekten Florian Nagler.

Regine Geibel
Frau von Mengershausen, Sie führen nun in vierter Generation zusammen mit Ihrem Mann den Tannerhof und haben sich vor einiger Zeit zu einem umfangreichen Umbau der Bestandsgebäude und zum Neubau mehrer Einzelgebäude entschlossen. Wann ist der 'neue' Tannerhof fertig geworden?

Burgi von Mengershausen
2011 im Dezember sind die Neubauten und der Umbau fertig geworden. Wir haben 2007 begonnen zu planen, Ende 2010 war dann die Baugenehmigung da. Das hat schon diesen Prozess gebraucht, weil wir zwar wussten, dass wir hier einiges ändern mussten und auch wollten, der Tannerhof aber auch sehr vielschichtig und vielfältig ist. Wichtig war uns, dass es optisch eine Klammer gibt, die Erreichbarkeit, dass es nicht mehr so extrem verwinkelt ist wie vorher, dann die Standard- und die Atmosphärenverbesserung. Dazu kamen alle Auflagen wie z.B. Brandschutzbestimmungen. Das waren so viele Anforderungen, dass es seine Zeit brauchte, bis alles aus einem Guss war.

Wie haben Sie das passende Architekturbüro für diese komplexe Aufgabe gefunden?

Ein Freund hatte uns Florian Nagler empfohlen; der Maler Peter Lang kennt Nagler schon aus Schulzeiten und hat sich von ihm sein Haus bauen lassen. Peter Lang haben wir von unseren Sorgen erzählt, dass wir hier einen großen Wurf hinlegen müssen, aber nicht wissen wie. Er meinte, er wüsste keinen besseren als Florian Nagler. Wir knüpften den Kontakt, Nagler kam, wir haben uns unterhalten und hatten das Gefühl, er versteht, was wir wollen, sodass wir uns keine weiteren Architekten mehr angeschaut haben. Er machte zunächst eine Studie darüber, was nötig und möglich ist, und als Nächstes haben wir gesagt: Ok, jetzt schöpfen wir mal aus dem Vollen und machen eine Variante „möglichst viel Neu" und zusätzlich eine Variante „möglichst viel beibehalten". In der Folge gab es beide Versionen, die sich kostenmäßig – für uns überraschend, für Florian nicht – wenig unterschieden haben, aber leider trotzdem beide zu teuer waren. Also haben wir das Ganze mit der Zeit ein bisschen auf eine umsetz- und finanzierbare Größe zusammengeschrumpft. Die Banken waren trotzdem skeptisch und stellten Bedingung nach einem ziemlich hohen Eigenkapitalanteil. Diesen hatten wir jedoch nicht, denn alles was wir in den Jahren zuvor verdient hatten, wurde immer gleich wieder in die Instandhaltung des Tannerhofs gesteckt. Gemeinsam mit unserem Steuerberater wurde ein Beteiligungssystem in Form von Genussrechten entwickelt. Zusätzlich gab es für Stammgäste die Möglichkeit, ein „Depot" zu erwerben. Ein bestimmter Betrag wurde im Voraus bezahlt, der dann peu à peu „abgewohnt" werden konnte. So kam der geforderte Betrag zusammen.

Ihr seid die Erfinder des Crowdfunding? ;-)

Ja, so ungefähr...
Wir bekamen auch Fördergelder von der Regierung. Das ganze Finanzkonstrukt war aber extrem schwierig. Erst ganz am Schluss hat die Bank „ja" gesagt...

Was hat es denn alles in allem gekostet?

Knapp acht Millionen Euro. Es sind mehrere neue Häuser entstanden: ein Bauernhaus, die Orangerie vor dem Schwimmbad und die vier Lufthüttentürme, fast alle auf einem recht schwer zugänglichen Gelände. Zusätzlich erfolgten umfangreiche Renovierungen in jedem Bestandsgebäude, was an einigen Stellen ersichtlicher ist als an anderen. Dazu kommen die weitläufigen Außenanlagen.

Puh, wie hält man das nervlich aus? Solch ein Risiko, solch ein Investment?

Wir waren einfach total sicher, dass wir das hinkriegen – weil wir von der Idee Tannerhof überzeugt sind und wissen, dass er ein besonderer Platz ist. Das hat uns großen Schwung gegeben, der uns nach vorne gebracht hat; ich glaube, sonst hätten wir das nicht geschafft. Erst im Nachhinein habe ich realisiert, wie schwierig es war. Da war zum Glück eine Portion Naivität dabei, sonst hätten wir es vermutlich nicht angegangen... Heute freuen wir uns darüber, was wir geschafft haben und sind stolz.

Wie war es denn, als Florian Nagler seine Ideen präsentiert hat? Wie einfach war es für Sie, sich hinein zu denken? Was haben Sie gedacht, als Sie den Entwurf für die Türme gesehen haben?

Der erste Entwurf sah für den Hang anstelle der alten Lufthütten neue dreigeschossige Türme vor. Da sind wir schon erschrocken. Denn wir waren uns unsicher, ob das überhaupt passt und nicht zu modern ist. Florian hat ein Modell erstellen lassen, um das wir immer herum schlichen. Je länger das dauerte, umso mehr haben wir uns mit den Türmen angefreundet und waren dann irgendwann davon überzeugt. Es war ganz lustig: Alle künstlerisch veranlagten Menschen in unserem Bekanntenkreis waren sofort begeistert. Meine Tante Nele zum Beispiel hat Hurra geschrien und Peter Lang sagte: „Super! Zumthor geht in die Tiefe, Nagler in die Höhe!" Wir fanden es aber zu schade um die alten Hüttchen und so kam es zu dem Kompromiss: Bis auf eine wurden alle alten Hütten erhalten und die Türme kamen ergänzend dazu. So entstand ein anregendes Spannungsfeld zwischen Alt und Neu.

Alte Hütten abreißen würde ich auch schwer übers Herz bringen. Ich finde gerade die Kombination ganz toll. Für die Gäste ist es schön, dass sie auswählen können, wo sie lieber wohnen wollen.

Das machen sie auch gerne. Jeder Aufenthalt steht so unter einem anderen Motto: mal Turm, mal Kammerl, mal Hütte...

Sehen Sie die Hütten, die man sogar alleine oder nur zu zweit bewohnen kann, auch als eine Art Alternative zur eigenen Ferienwohnung oder dem eigenen Ferienhaus?

Es gibt schon viele, die die Hütten auf diese Art nutzen und vier bis fünf Mal im Jahr kommen...

Wie haben Sie es denn organisiert, während der Umbauarbeiten den Sanatoriumsbetrieb weiterlaufen zu lassen?

Haben wir nicht, wir hatten neun Monate geschlossen. Am 31. März gingen die letzten Gäste, dann haben wir mit den Mitarbeitern das Haus ausgeräumt und noch gemeinsam großen Abschied gefeiert.

Verliert man dadurch nicht Mitarbeiter?

Die meisten waren über die Zeit ausgestellt, einige haben beim Umbau mitgeholfen. Aber wir haben natürlich vorher Gespräche mit ihnen geführt, zudem hatten sie eine Wiedereinstellungsgarantie. Die meisten sind wiedergekommen.

Wow, das ist ja auch mutig; es kann einem ja durchaus passieren, dass die auf ein Kreuzfahrtschiff gehen und nicht zurückkommen...

Ich sag immer: Die Mitarbeiter sind Mit-Gastgeber, sie identifizieren sich wirklich mit dem Haus.

Hatten Sie zusätzlich einen Innenarchitekten? Oder haben Sie die Ausstattung und Einrichtung selbst gemacht, z.B. die Gestaltung mit den verschiedenen Stoffen?

Die Raumaufteilungen und auch die Tische in den Esszimmern sind von Florian Nagler. Das andere haben wir in Zusammenarbeit und Absprache mit ihm selbst übernommen. Außerdem hatten wir ein kleines, aber sehr kompetentes Einrichtungsgeschäft in Wasserburg beauftragt – auch das auf Empfehlung, ohne Ausschreibung. Die Mitarbeit mit Martina Pfeiffer war hervorragend. Wir schwelgten in Stoffen, Farben und Möbeln. Wann hat man so eine Möglichkeit schon?

Was war Ihre Aufgabe, was die Ihres Mannes?

Die Stoffe habe ich ausgesucht, die Lampen mein Mann...

Die sind toll, vor allem die großen hier im Kaminzimmer!

Ja, das sind klassischen Berliner Gaslampen – hier nun umfunktioniert.

Erzählen Sie noch etwas über die Kunstsammlung.

Die Kunst spielt hier eine große Rolle. Zum Beispiel haben wir uns mit der Edition Leitzachtal von dem Münchner Fotografen Christopher Thomas viele Gedanken gemacht. Das ist ja etwas, was extra begleitend zum Neubau des Tannerhofs geplant wurde.

Also wurde auch Kunst für den Ort angefertigt. Ich habe gesehen, dass die Kommentare unter den großen Fotos von Gerhard Polt sind?

Ursprünglich fragten wir Gerhard Polt, ob er ein Vorwort zur Edition schreiben könnte. Dann hat er die Bilder gesehen und meinte wortwörtlich: „Da kommt man ins Sinnieren". Und so entstand die Idee, jedes Bild zu kommentieren.

Das heißt, Sie haben eine feste Sammlung, die hier vor Ort bleibt, machen aber auch immer mal wieder eine Wechselausstellung mit Arbeiten befreundeter Künstler?

Die Edition hängt hier zunächst für fünf Jahre und die Motive können in unterschiedlichen Größen in limitierter Auflage erworben werden. Im Badehaus spielt die Kunst auch eine wichtige Rolle; dort gibt es die „Galerie im Treppenhaus" mit zwei bis drei wechselnden Ausstellungen pro Jahr. Außerdem findet man über das gesamte Tannerhofgelände verteilt immer wieder Kunstwerke...

Wie groß ist Ihr Einzugsgebiet an Gästen? Sind viele Münchner darunter?

Ja, das sind schon viele. Ein Vorteil ist die kurze Anreise, oft vollkommen unkompliziert mit der BOB (Bayrische Oberlandbahn). Man setzt sich in den Zug und gelangt ohne Stau hierher. Aber es kommen auch viele aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz usw.

Vielen Dank!

Hier zur Präsentation des Tannerhofes in der Rubrik ARCHITEKTURHIGHLIGHTS Hotels und Hideaways

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