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Erfahrungsaustausch

Karlheinz Beer, Ministerialrätin Gabriele Engel, Dr. Lore Mühlbauer, Rami Kasbari und Rawi Alazar (v.l.n.r.); © Volker Derlath Karlheinz Beer, Ministerialrätin Gabriele Engel, Dr. Lore Mühlbauer, Rami Kasbari und Rawi Alazar (v.l.n.r.); © Volker Derlath

Wenn Regierende und Architekten über Flüchtlingsunterkünfte diskutieren, heben sich...
innovative Vorschläge und Bauregeln oft gegenseitig auf.

Letzen Montag lud der BDA Bayern zur Podiumsdiskussion „Heimat in der Ferne" in die Bayerische Architektenkammer nach München ein. Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen und Erfahrungen unterhielten sich zwei Architekten aus Ramallah und Damaskus mit Vertretern der Regierung von Oberbayern und der Obersten Baubehörde über die zentrale Frage, wie sozialverträglicher Wohnraum geschaffen werden kann, der städtebaulich und gesellschaftlich zu einem Zuhause für Alle beiträgt. Der BDA Landesvorsitzende Karlheinz Beer moderierte den Abend.

In seinem Impulsvortrag stellte Rami Kasbari, Architekt aus Ramallah, die Bauweise von Wohnbauten in Syrien vor – Häuser, die sich nach außen, zu Öffentlichkeit und Straße hin, abschotten und deren Räume sich zu einem Innenhof in der Gebäudemitte orientieren. Mit anderen Worten: Privatsphäre ist im Orient Teil der Baukultur. Gerade daran mangele es laut Kasbari den Flüchtlingsunterkünften in Deutschland, vor allem in den Erstaufnahmestationen. "Das Problem sind nicht die unterschiedlichen Kulturen, sondern das Fehlen der Privatsphäre."

Ergänzend berichtete Rawi Alazar, Architekt aus Damaskus und derzeit Asylsuchender in Mittenwald, von seinen Erfahrungen im Asylbewerber-Erstaufnahmelager in der Berufsschule Miesbach, wo sich 200 Menschen einen Raum teilen: geregelte Schlafenszeiten, mehr Sanitäranlagen und Rückzugsbereiche z. B. für stillende Mütter würden seiner Meinung nach viel Druck von den Menschen nehmen.

Lore Mühlbauer, Regierung von Oberbayern, betonte in ihrem Impulsvortrag die Problematik, dass durch den permanenten und regional schwer zu kalkulierenden Zuwanderungsdruck für die verantwortlichen Akteure kaum Zeit für strategische Ansätze bleibe. Daher sei bei Neubauten, Umnutzungen und Sanierungen Spontaneität und Innovation gefragt.

Ministerialrätin Gabriele Engel, Sachgebietsleiterin Hochbau der Obersten Baubehörde München, stellte den 'Wohnungspakt Bayern' vor, ein umfangreiches Maßnahmenpaket für mehr preisgünstigen Wohnraum, welches das Bayerische Kabinett am 09. Oktober beschlossen hat. In dessen Rahmen sollen in den nächsten vier Jahren 28.000 neue staatlich finanzierte oder geförderte Mietwohnungen entstehen. Hierfür stehen bis 2019 rund 2,6 Milliarden Euro bereit.

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion beteiligte sich das Publikum engagiert. Dabei stellte sich schnell heraus, dass einige durchaus spontan und innovativ agieren wollen würden, wenn man sie denn machen lassen täte – allen voran die Mitglieder der Initiative Wohnraum für alle...

Klar war am Ende: Es wird nicht viele Abschläge bei den Bauvorschriften geben – Abstandsflächen müssen eingehalten werden, der Schallschutz sowieso. Für eine Verteilung der Flüchtlinge auf den ländlichen Raum, wo Grundstücke billig sind und Arbeitsplätze vorhanden – solche Gebiete gibt es tatsächlich, wie eine Grafik im Vortrag von Lore Mühlbauer aufzeigte – dafür gibt es keine Strategien... Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass sich Flüchtlinge in Eigenleistung am Bau ihrer Unterkünfte beteiligten, aber ein richtiges Konzept gibt es dafür nicht...

Das Fazit: Die Beratung der Kommunen sei doch ein gutes Betätigungsfeld für Architekten. Ein bisschen mehr Output hätte man da schon erwartet. 

Der BDA vertieft das Thema in Kooperation mit der Bundesstiftung Baukultur in der Veranstaltung „Flucht nach Vorne!" am 10./11. März 2016, konzipiert von Gastkuratorin Julia Hinderink MA RCA im Museum Fünf Kontinente, Maximilianstraße 42, München.